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Art et Architecture
art Magazin

art Magazin

11/2020

ART ist Europas größtes Kunstmagazin und Marktführer im Segment der Kunstzeitschriften. Dabei vereint das Magazin die wichtigsten Highlights aus dem klassischen Kunstbereich mit jungen, zeitgenössischen Themen aus Fotografie, Design und Videokunst und führt kompetent durch das aktuelle Kunstangebot. ART inspiriert und versteht Kunst als wichtigen Anreger in unserer Gesellschaft. Die Grenzen der aktuellen Kunst zu Mode, Design, Musik und Architektur sind fließend.

Pays:
Germany
Langue:
German
Éditeur:
DPV Deutscher Pressevertrieb
Fréquence:
Monthly
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12 Numéros

dans ce numéro

1 min.
kathedraler drahtkäfig

Der Blick in den blauen Himmel geht durch ein stumpf schimmerndes Drahtgeflecht. Kuppelartig ragt es elf Meter hoch zwischen alten Bäumen auf. Die Konstruktion ist die eines Sakralbaus, die Wirkung eher die eines Käfigs. Etherea heißt diese ebenso faszinierende wie auch beklemmende Installation des italienischen Bildhauers und Szenenbildners Edoardo Tresoldi. Sie ist Teil der Open-Air-Ausstellung Back to Nature. Contemporary Art at Villa Borghese, die noch bis 13. Dezember umsonst in Rom zu sehen ist. In nur wenigen Jahren hat sich der erst 33 Jahre alte Tresoldi auf gigantische Drahtgebäude spezialisiert – ein Alleinstellungsmerkmal, das kaum sonst jemand bietet. Kein Wunder, dass er auch Mainstream-Events wie Popmusikfestivals beliefert.…

2 min.
kunst aus dem off

Viele Bildhauer lassen Früchte als Arbeitsmaterial links liegen. Zu schnell verlieren sie die Form, werden matschig oder trocknen aus. Henry Rox war das egal. Unter seinen skurrilen Obst- und Gemüse-Stillleben, die auf farbenfrohen Fotografien überlebten, sind Lauch-Diven, Bananenchöre, sitzende Elefanten, weinende Zwiebeln und todgeweihte Apfelmännchen. Die Arrangements, die Rox von den dreißiger bis fünfziger Jahren kreierte und die jetzt in einem Buch mit dem Titel Henry Rox Revue im Verlag Fotohof erscheinen, sind so originell und charmant, dass man unwillkürlich gute Laune bekommt und den eigenen Obstkorb nach brauchbaren Darstellern inspiziert. Dabei führte der Künstler zu jener Zeit ein Leben, das alles andere als fröhlich war. Rox, der 1899 unter dem Namen Heinrich Rosenberg in Berlin geboren wurde, war Jude. Er hatte Kunstgeschichte und Bildhauerei studiert und konnte von seinen Skulpturen…

3 min.
kunst für eine bessere welt

Müßiggang ist aller Laster Anfang, Arbeit macht das Leben süß: Kaum etwas wird hierzulande so skeptisch beäugt wie das Nichtstun, egal, ob in der Lagerhalle, im Homeoffice oder im selbst gewählten Kultur-Prekariat; wir arbeiten, als gäbe es kein Morgen, als wäre Produktivität oberste Bürgerpflicht. Und geschnitten hat sich, wer dachte, dass die Corona-Pandemie diesem kollektiven Fetisch einen gröberen Dämpfer versetzen könnte: Selbstoptimierung geht auch von zu Hause aus, Amazon-Bestell-Partys für das neue, zubehörintensive Hobby oder die Wohnungsverschönerung inklusive. Aber sollten wir nicht alle mal halblang machen? Würden wir nicht langfristig davon profitieren, wenn wir weniger produzieren und konsumieren würden? Würde nicht vor allem unser Planet aufatmen? Davon ist Friedrich von Borries überzeugt, der an der Hamburger HOCHSCHULE FÜR BILDENDE KÜNSTE lehrt. Er hat gerade medienwirksam drei mit 1600 Euro dotierte »Stipendien…

14 min.
»ich attackiere die leinwand«

»Malen ist fast so wie Sex, die Energie ist ähnlich, und der Moment, bevor ich beginne, ist gefährlich« »Vor ein paar Jahren war ich an einem Punkt, wo mir alles zu viel wurde« Tracey Emin, 57, war die junge Wilde unter den Young British Artists (YBAs), die in den neunziger Jahren von London aus die internationale Kunstszene aufmischten. Die Meinungen über sie gehen auseinander: Manche feiern sie als mutige, provokante, ernst zu nehmende Künstlerin, andere tun sie ab als selbstverliebte, exzessive Effekthascherin. Ihr Thema ist sie selbst, ihre Lebensgeschichte, die traumatische, an Gewalt nicht arme Jugend. 1995 erlebte sie den künstlerischen Durchbruch mit Everyone I Have Ever Slept With 1963–1995. Für ihr wohl berühmtestes Werk My Bed wurde sie 1999 für den Turner-Preis nominiert. Ihr OEuvre umfasst Installationen, Neonarbeiten, Stoffcollagen, Filme,…

12 min.
im rausch der fremde

So sieht ein Bordell heute nicht mehr aus: Die Kupplerin bewacht eine musizierende Gruppe. Ein Mann mit Turban und Seidenmantel spielt Viola da gamba. In seiner Bauchbinde steckt ein Dolch. Ein junger Mann mit Harfe trägt ein Barett mit Straußenfeder. Die Dame, um die sich alles dreht, hält ein Liederbuch auf einem teppichartigen Kleid mit gewagtem Dekolleté. Dass die Szene schlecht zur calvinistischen Moral Amsterdams passt, macht ein Stich im Hintergrund deutlich, der die Flucht von Lot und seiner Familie aus dem sündigen Sodom zeigt. Der gerade mal 20-jährige Rembrandt hat für sein Gemälde Musizierende Gesellschaft 1626 aufgefahren, was der Requisitenfundus hergab. Die junge Dame trägt noch ein Diadem im Haar, die Kupplerin ein buntes Kopftuch, der Tisch ist von einem Teppich in knalligem Türkis bedeckt. Das ist eine klare moralische…

11 min.
ein leben in kisten

Die Fotoalben und Briefe. Die Kalender und winzigen Notizhefte. Die Abrechnungen und Baupläne. Der Koffer mit dem Aufkleber des Grandhotel »Majestic Lugano«, randvoll mit privatesten Briefen. Die kleine Skulptur von Maillol und das große Aquarell von Schmidt-Rottluff. Und dazu all die Zeichnungen, Studien, Skizzen von Georg Kolbe selbst: über 300 Blätter kniender, sitzender, wirbelnder Frauenakte, die der einst berühmteste deutsche Bildhauer zur Vorbereitung seiner Skulpturen schuf. Nie gesehene Bewegungsstudien, über 70 Jahre verborgen, zuletzt in einer Penthouse-Wohnung in Vancouver über dem Meer. »Überwältigt« sei sie gewesen, erinnert sich Julia Wallner, Direktorin des GEORG-KOLBE-MUSEUMS, als sie zwischen den Mappen, Kisten und Ordnern in Kanada stand, ihre Gefühlslage »irgendwo zwischen purer Erschütterung und Euphorie«. Sieben Jahre lang hatte sie den Kontakt zu Georg Kolbes Enkelin, Maria von Tiesenhausen, behutsam aufgebaut. Sieben Jahre einer…