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GEO EPOCHEGEO EPOCHE

GEO EPOCHE 95/2019

GEO EPOCHE ist das Geschichtsmagazin von GEO. Jede Ausgabe ist einem historischen Thema gewidmet - Epochen wie dem Mittelalter, Staaten wie Preußen, Weltreligionen wie dem Judentum. Geschichte schillernd und packend ohne Staub, Fußnoten und Zahlenkolonnen. Erzählt werden Geschichten über bedeutende Personen und dramatische Ereignisse, über Alltag und Kultur, Politik, Gesellschaft und Wissenschaft. In genauen historischen Rekonstruktionen sowie opulenten Bildessays und Experteninterviews, mit Karten und Infokästen wird die jeweilige Epoche zum Leben erweckt und vor allem deren Alltag sinnlich nacherzählt. „Wir nehmen die Leser mit auf eine Zeitreise“, so lautet das Credo von Chefredakteur Michael Schaper.

Pays:
Germany
Langue:
German
Éditeur:
DPV Deutscher Pressevertrieb
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DANS CE NUMÉRO

access_time3 min.
editorial

Liebe Leserin, lieber Leser! Wenn wir in Deutschland über den Umbruch des Jahres 1989 sprechen, ist meist von der „Wende“ die Rede. Doch dieser Begriff trifft die Sache nicht, schon weil ihn Egon Krenz prägte, der kurzzeitige Herrscher im SED-Reich – und damit ausgerechnet Maßnahmen zur Rettung seines untergehenden Regimes meinte. Vor allem aber beschreibt der Terminus nur unzureichend die Bedeutung dessen, was in diesem Epochenjahr und in der unmittelbar folgenden Zeit geschah. Denn in Wirklichkeit handelte es sich um eine Revolution – in Ausmaß und Wirkung vergleichbar nur mit der Französischen Revolution. Jener Umwälzung, die genau 200 Jahre zuvor das Ende der Monarchie im mächtigsten Staat Europas und der uralten Ständeordnung dort brachte, und die darüber hinaus in der westlichen Welt den Ideen von Volkssouveränität, der universalen Geltung der Menschenrechte und…

access_time44 min.
das jahr des aufbruchs

Es ist Silvester 1988, und Václav Havel sitzt auf einem Thron. Er trägt eine Krone und trinkt Wein aus der Flasche. Lachende Augen, voller Mund, schmaler Schnäuzer – der vielleicht bekannteste Dissident der Tschechoslowakei wirkt glücklich. Das Motto dieser Prager Party lautet: „Monarchie für alle!“ Nahe Freunde mögen dem Schriftsteller gleichwohl die Jahre im Gefängnis ansehen. Die Angst, die er hatte, in der Haft verrückt zu werden. Die Trauer über die verlorene Zeit. Das Wissen, dass sie ihn jederzeit wieder abholen können. Wenn nicht etwas Umstürzendes geschieht im anbrechenden Jahr 1989. Am nächsten Tag in Warschau. Kalt dämmert der Morgen über Henryków, einem Vorort der polnischen Hauptstadt. Hier stehen im Lager der „Werkstätten für Kunstmöbel“ 14 sperrige, bogenförmige Holzelemente. Zusammengesetzt ergeben sie einen riesigen Konferenztisch mit Platz für fast 60 Stühle. Der Tisch hat…

access_time20 min.
der weg zur einheit

Was ist nur mit Schewardnadse los? Die Außenminister sind perplex. So energisch, beschwörend fast, haben sie ihren Kollegen aus Moskau noch nie erlebt. Immer wieder blickt er sie an und betont, dass alles, was er in seinem zwölf Seiten langen Redetext vorträgt, wirklich ernst gemeint sei. Kein listiges Zwinkern, kein Lächeln – wie sonst, wenn er andeuten will, dass es noch Spielraum gibt für Verhandlungen. Seine Position ist offenbar direkt mit dem Politbüro im Kreml abgestimmt, und er gibt sie präzise wieder, Wort für Wort – ganz so wie zu Zeiten seiner Vorgänger im Kalten Krieg. Und deren wichtigste Vokabel in Verhandlungen war meist: „njet“. Nein, sagt nun auch Eduard Schewardnadse: Mitglied in der NATO, dem Militärbündnis des Westens, könne ein vereintes Deutschland unter keinen Umständen werden. Das sei „nicht akzeptabel“. Die Haltung…

access_time23 min.
drei tage im august

Durch Moskau dringt das Dröhnen schwerer Militärfahrzeuge. Hunderte Panzer und Truppentransporter rollen in Richtung Zentrum: 4000 Soldaten haben den Befehl erhalten, in die Stadt einzurücken. Das Militär riegelt am frühen Morgen dieses 19. August 1991 die Hauptkreuzungen ab, den Roten Platz, das Telegraphenamt, den Amtssitz des Bürgermeisters, das Fernsehzentrum im Nordosten der Stadt und das Weiße Haus an der Moskwa – Sitz der Regierung und des Parlaments der Sowjetrepublik Russland. Doch es bleibt ruhig. Überall versammeln sich Menschen auf den Bürgersteigen, drängen zwischen Panzer und Fahrzeuge, beginnen Gespräche mit Soldaten. Viele erfahren erst jetzt, was in den Sechs-Uhr-Nachrichten verkündet worden ist: Michail Gorbatschow, der KP-Chef und Präsident der Sowjetunion, sei krank, daher habe Vizepräsident Gennadij Janajew sein Amt übernommen und den Ausnahmezustand verhängt. Tatsächlich sitzt Gorbatschow in seiner Ferienvilla auf der Krim…

access_time28 min.
stadt unter feuer

Es ist noch dunkel in Dubrovnik, als Colin Kaiser von dem Geräusch heftiger Explosionen aus dem Schlaf gerissen wird. Der UNESCO-Experte, der in einem Institutsgebäude in der historischen Altstadt untergebracht ist, blickt auf seine Armbanduhr: Es ist 5.48 Uhr. Kaiser verlässt das Bett und horcht durch die geschlossenen Fensterläden auf die Quelle der Detonationen. Draußen folgt weiter Schlag auf Schlag. Zunächst scheint das dumpfe Getöse weit entfernt. Doch binnen Minuten kommen die Einschläge näher. Erst jetzt begreift der Amerikaner: Das Zentrum Dubrovniks steht unter Granatfeuer. Panik erfasst den Mann der UN-Kulturorganisation, und er eilt ins Erdgeschoss des Instituts. Dort gibt es überall Fensterfronten, die unter der Wucht der Explosionen zerbersten und zur tödlichen Gefahr werden könnten. Mit zwei Einheimischen und einem Kollegen, der ebenfalls vom Lärm geweckt worden ist, flüchtet Kaiser in das…

access_time1 min.
der fotograf und der tod

Die Angriffe auf Dubrovnik, die Anfang Oktober 1991 beginnen, sind Attacken auf seine Heimat: Pavo Urban hält das Martyrium seiner Stadt über Wochen mit der Kamera fest. Er ist kein Berufsfotograf, sondern ein ambitionierter Amateur, ein 23-jähriger angehender Filmstudent, der sich zuvor an Stillleben und Frauenakten versucht hat. Und doch wirken seine Aufnahmen eindringlicher als die der wenigen Pressefotografen vor Ort. Die Bilder sind stiller, weniger spektakulär, weniger dokumentarisch – und scheinen gerade deshalb eine tiefere Ikonografie des Krieges, der einzelnen Menschen in ihm, zu liefern. Mag sein, dass die Fotos auch deshalb intensiver sind als die der professionellen Kollegen, weil er sich weiter vorwagt als alle anderen. Einmal, erzählt er einem Freund, ist eine Luftmine so nahebei explodiert, dass er dachte, jetzt sei alles vorbei. Wenig später, als er…

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