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BEEF

DIE FLASCHE MEINES LEBENS

WAS IST DAS FÜR EIN MANN?

Matthias Schweighöfer wird 1981 im vorpommerschen Anklam geboren. Seine Eltern, Gitta und Michael Schweighöfer, sind Schauspieler. Mit drei Jahren steht er erstmals auf einer Bühne, mit 16 Jahren folgt der erste Film. Mit 19 Jahren erhält er den Deutschen Fernsehpreis als bester Nachwuchsdarsteller. 2017 veröffentlicht er sein Debütalbum „Lachen Weinen Tanzen“. Ab Mai wird auf Amazon die zweite Staffel der Serie „You Are Wanted“ zu sehen sein – produziert von Matthias Schweighöfer.

WAS IST DAS FÜR EINE FLASCHE?

Das Château Margaux ist ein Weingut im Gebiet Médoc bei Bordeaux. Es erzeugt einen der teuersten und besten Rotweine der Welt. Bis zu seiner vollen Entfaltung braucht er meist über zehn Jahre

Im Herbst 2000 drehte ich in Köln für einen großen Kinofilm, den Thriller „Nachts im Park“. Vor der Kamera standen zwei der damals erfolgreichsten Schauspieler: Heike Makatsch und Heino Ferch. Und ich, der erst kurz zuvor sein Abitur bestanden hatte.

Eines Tages, Anfang Oktober, kam einer der Produzenten ans Set. Er sagte mir, dass ich einen Tag drehfrei bekomme. Ich könne dann doch zum Deutschen Fernsehpreis gehen, der in der Stadt verliehen werde. Er muss schon etwas gewusst haben, aber ich hatte noch keinen Schimmer. Erst als dann bei der Gala Hape Kerkeling ans Mikrofon trat und meinen Namen aufrief, wurde mir klar: Jetzt erhalte ich den Preis als bester Nachwuchsschauspieler. Ich ging auf die Bühne, und Hape drückte mir den gläsernen Pokal in die Hand. Es war mein erster roter Teppich, mein erster Preis, meine erste Aftershow-Party – ich war glücklich und vollkommen fertig zugleich.

Zurück am Set überraschten mich die Kollegen. Es gab Blumen, und der Regisseur Uwe Janson hatte für mich eine Flasche Château Margaux aufgetrieben. Jemand musste ihm erzählt haben, dass ich Wein mochte. Nicht unbedingt den Blanchet-Weißwein, den mein Vater mit mir trank. Diese Flasche, das war mir klar, musste etwas Besonderes sein. Sicher hatte Uwe dafür einen dreistelligen D-Mark-Betrag hingeblättert. Ich beschloss, sie erst mal zur Seite zu stellen.

Ein paar Wochen später, ich hatte meine Szenen für „Nachts im Park“ abgedreht, fuhr ich noch einmal nach Köln. Ich musste den Film nachsynchronisieren und hatte mich mit Uwe verabredet, während der Dreharbeiten haben wir uns angefreundet. Wir trafen uns bei einem Italiener, ein kleines, verwinkeltes Restaurant in der Kölner Innenstadt.

Ich hatte die Flasche Château dabei, sagte Uwe aber erst mal nichts davon. Wir bestellten Steaks und Rotwein. Dann fingen wir an herumzuspinnen. Welche Projekte könnten wir als nächstes zusammen angehen? Welche Rollen würde ich dabei spielen? Ich war ja noch sehr jung, und Uwe hat vielleicht in mir so etwas wie einen großen Sohn gesehen. Er mochte meine Energie, und ich schätzte an ihm, dass er ein radikaler Typ war, nicht gefällig. Wir bestellten noch eine Flasche Wein. Als die fast leer war, zog ich den Château Margaux aus der Tasche und sagte Uwe, dass wir die Flasche heute killen würden. Dann fragte ich den Kellner, ob es in Ordnung wäre, wenn wir die Flasche entkorken. Ich beteuerte, was es für ein besonderer Wein sei, dass Uwe mir den geschenkt hatte und wir ihn jetzt einfach trinken müssten. Der Kellner nickte und machte die Flasche auf.

Wir hatten uns wohl gerade das erste Glas Château eingeschenkt, als ein Freund von mir ins Restaurant stolperte, Julien Lambroschini. Auch ihn hatte ich während der „Nachts im Park“-Dreharbeiten kennengelernt. Wir winkten Julien an unseren Tisch, der heiser vom Nachsynchronisieren war.

Wir mussten schon gut angetrunken gewesen sein. Ich reichte Julien eine Zigarette gegen die Heiserkeit und trieb noch ein Glas für ihn auf. Wir schwärmten uns gegenseitig und Julien vor, was für einen exzellenten Tropfen wir da vor uns hatten. Erwartungsvoll sahen wir Julien, den Franzosen, an, als er einen großen Schluck nahm. Er verzog das Gesicht und stöhnte: „Was ist das denn?“

Uwe und ich waren wohl so besoffen, dass uns nicht auffiel, was wir da vor uns stehen hatten: eine Flasche Château Margaux, deren Inhalt völlig drüber und abgekorkt war. Der einst gute Wein hatte sich quasi in Essig verwandelt. Wir tranken ihn trotzdem aus. Irgendwann waren wir die letzten im Laden. Der Kellner hatte alle Stühle hochgestellt, wir zahlten und gingen.

Am nächsten Morgen klingelte mein Wecker kurz nach sieben Uhr. Mein Kopf dröhnte, und ich habe mich irgendwie ins Studio geschleppt. Meine Stimme klang an diesem Morgen etwas dunkler. Für meine Rolle war das gar nicht schlecht. Als ich fertig war, kam Julien ins Studio, legte seinen Rucksack ab, setzte sich auf die Couch neben mich und sagte: „Hallo!“ Ich konnte es kaum glauben. Nach einer Zigarette und dem Château Margaux hatte er seine Stimme wieder.

Die Geschichte erzählt Julien heute noch, wenn wir uns treffen und ein Glas Wein trinken. Und ich muss oft an sie denken, wenn ich ein Konzert gespielt habe, mir die Stimme fehlt und jemand sagt: „Nimm Emser Salz!“ Nein, sage ich dann, gib mir einfach eine Flasche Rotwein!

FOTOS: MARCUS HOEHN/LAIF, HERSTELLER

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