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MEIN LEBEN IN TROPENGRÜN

Cosmo Chic! Als Redakteur hat Carlos Mota nicht nur sein Stilgefühl verfeinert, er kann es auch treffend in Worte fassen. Im Wohnzimmer versammelt er seine eigene world production um den italienischen Coffeetable (Porada), die amerikanischen Seventies-Sessel tragen keck Zebramuster, und die Feigen recken sich zur Decke.
Schon in der Eingangshalle hat der in Venezuela geborene Carlos Mota all seine Design-Passionen arrangiert: Raffia, Geflecht, Muster und edle Stoffe. Der imposante Leuchter kommt aus Swasiland, der Canapé-Bezug von Pierre Frey, darauf sitzen bunte Kissen von Anthropologie.

Räume und ihre Gestaltung haben mich immer begeistert, schon als kleines Kind, damals in Venezuela. Meine vielen Jahre als Style-Redakteur – bei Architectural Digest, „Elle Decoration“ und als freier Mitarbeiter für andere Zeitschriften – vertieften mein Wissen. Und da mich meine Freunde oft um Rat baten, war es für mich der nächste Schritt, selbst Designer zu werden. Diese Berufsbezeichnung gefällt mir besser als Inneneinrichter, ein Wort, das ich hasse, Designer vermittelt doch ein viel klareres Bild.

Meine Heimat gehört zu den schönsten Ländern der Erde, doch die politischen Verwerfungen bringen es leider mit sich, dass es für mich nicht infrage kommt, dort zu leben. Vor ungefähr neun Jahren begann ich also, mein eigenes kleines Paradies zu suchen. Gefunden habe ich es in der Dominikanischen Republik. „Warum gerade dort“, fragten meine Freunde. Nun, obwohl ich schon ewig in den USA lebe, fühle ich mich doch als Latino. Umgeben von anderen Mittel- und Südamerikanern und ihrer Kultur bin ich zu Hause. Zona Colonial – das historische Viertel von Santo Domingo, der Hauptstadt der Insel – war die erste spanische Kolonie in der „Neuen Welt“, sie wurde 1498 gegründet, und dieses Erbe war für mich ein überzeugendes Argument. Man spürt die Geschichte, wenn man durch die Straßen geht.

Der Efeugarten auf dem Stoff von Jean-Paul Beaujard wächst über Schlafzimmerwand und Bedhead. Wem es da blümerant wird, der kann seine Augen an der feinen Symmetrie der japanischen Tischleuchten beruhigen. Und an dem traumwandelnden Reiher auf dem Bild von Vikas Soni.
Grün aufs Podest! Die Postamente stammen aus dem 19. Jahrhundert und standen einmal in einer spanischen Kirche. Nun bilden sie den Rahmen für Motas Flechtwerke: Die Fifties-Stühle fand er auf einem Flohmarkt in Paris, der Rattantisch wurde vor Ort geflochten.

Ich hatte diese Wohnung noch gar nicht besichtigt, als ich mich entschloss, sie zu mieten. Die Lage war ideal, auf den Onlinefotos konnte ich erkennen, dass sie einen guten Aufbau, perfekte Proportionen, hohe Decken und einen Balkon hatte. Ich schickte Freunde hin, die der Sache ihren Segen gaben, und schlug sozusagen blind zu. Als ich sie mietete, war das Apartment einfach nur eine leere weiße Kiste. Nein, ganz stimmt das nicht: In allen Räumen gab es aufwändige antike Fliesenböden. Jedes Zimmer hatte Kacheln in anderen Mustern und Farben, sie wirkten wie Teppiche aus unterschiedlichen Regionen. Sie waren meine große Inspiration, ebenso wie die traditionellen Motive meiner beiden Lieblingsländer, Marokko und Indien. Entlang der Decken und um die Türen fügte ich gemalte Bordüren hinzu: Säume als Nachklang – und zuweilen als Kontrast – zu den Fliesen am Boden.

Beige? Akzeptiert Carlos Mota bestenfalls am Beinkleid. Er liebt Farben in allen Tönen, vor allem aber Grün!
Im Gästezimmer darf sogar der Vitra-Stuhl vorm Spiegel aus dem 19. Jahrhundert (aus Italien) in Gold glimmern. Den Sekretär fand Mota in einem Charity-Shop in Santo Domingo.

Über Jahre hatte ich Möbel aus aller Welt zusammengekauft, sie standen also einsatzbereit im Lager. Die Räume habe ich dann so gestaltet, dass sie an einen Souk erinnern. Und auch wenn ich das Wort „eklektizistisch“ nicht mag, diese Wohnung beschreibt es perfekt: Sie ist kosmopolitisch, Schätze aus allen Erdteilen finden hier harmonisch zusammen – für mich passt der Begriff „Cosmo Chic“.

Wie beim Entree. Der Leuchter aus Raffia, der einen hier begrüßt, stammt aus Swasiland. Dazu gesellen sich runde Raffiamatten aus Kairo und eine Bodenleuchte aus Spanien. An der Wand hängt ein Gemälde des dominikanischen Malers Gustavo Peña. Diese Vielfalt zieht sich konsistent durchs ganze Haus – meine ganz persönliche world production.

Ich setze gerne unterschiedliche Muster ein, gerade Streifen gehören zu meinen Favoriten. Auch Blumendesigns sind großartig, und ich verwende sie häufig in verschiedensten, meist ungewöhnlichen Kombinationen.

Immer schon habe ich mir eine Wandbespannung im Schlafzimmer gewünscht – ein Freund schenkte mir einen fabelhaften Stoff des französischen Designers Jean-Paul Beaujard. Nun wirkt es, als würde ein Efeugarten durch die Wände wachsen. Auch das Betthaupt habe ich mit dem grünblättrigen Stoff bezogen. Die Kapitonierung betont es nun und erzeugt eine visuelle Spannung. Flankiert wird das Bett von zwei japanischen Tischleuchten. Der gestreifte Plafond fügt ein spielerisches Element hinzu, ohne den Raum zu dominieren. So huldigt das ganze Zimmer meiner Lieblingsfarbe – Grün! Weil ich auch Vögel liebe, habe ich über dem Bett ein Bild von Vikas Soni aufgehängt – definitiv ein Künstler, den man kennen sollte. Wenn Sie je nach Jaipur kommen, suchen Sie ihn auf!

Was ich mag, sind Korbflechtereien, Rattan und Bambus. Es gibt nichts Eleganteres als die Kombination aus einem bescheidenen Korbgeflecht und einem teuren Möbelstück. Mein Esszimmertisch etwa ist aus Rattan und wurde hier in der Dominikanischen Republik angefertigt. Die französischen Fifties-Stühle hatten eine längere Anreise, ich fand sie auf einem Flohmarkt in Paris. In der Küche hängt meine Sammlung von Körben, geflochten wurden sie von Ureinwohnern Venezuelas.

Zum gestreiften Gästeschlafzimmer haben mich italienische Palazzi und Fresken inspiriert. Von allen Zimmern hat dieses am ehesten ein Bohème-Feeling. Kleine indische Vogelmalereien umrahmen einen Vintage-Schreibtisch aus Bambus. Von Weitem wirken sie wie Bordüren, aber von Nahem betrachtet werden diese Bilder lebendig. Dann erst sieht man die feinen Details, und durch ihr kleines Format wirken sie so kostbar und lieblich.

Mit dem zweiten liegt’s sich besser: Beide Maison Jansen-Daybeds (aus Miami) tragen „Greenbrier“ von Nicky Haslam. Den famosen Spiegel aus Bambus ließ der Hausherr vor Ort flechten. Seine Inspiration für das Dekor liegt am Boden – die Fliesen sind original.

Mehr noch als das Spiel mit Dessins reizt mich das Spiel mit Dimensionen. Ein Bild, das die Wand im Wohnzimmer ausgefüllt hätte, konnte ich mir nicht leisten, daher wandte ich mich an dominikanische Handwerker, die mir einen massiven Spiegel mit grün bemalter Korbflechterei konstruierten, der den zentralen Blickpunkt bildet. Darunter stehen zwei Daybeds von Maison Jansen, die ich in Miami gekauft habe. Die kleinen Lampen aus Raffia kommen aus Ischia. Gegenüber nutzte ich die Deckenhöhe mit übergroßen Feigen und riesigen Übertöpfen von Casa Alfarera in Santo Domingo. Mir war es sehr wichtig, auch einheimische Handwerker und Maler in das Projekt einzubeziehen. Ich habe sogar ein Werk aus den 1980er Jahren von José Ramírez Conde gekauft, dem Picasso der Dominikanischen Republik. Die zeitgenössische Kunst hebt die Wohnung in eine andere Dimension. Ohne diese Gemälde könnte sie auch aus einer früheren Zeit stammen.

Es ist erstaunlich, wie all diese Objekte, die von überallher und aus unterschiedlichen Zeiten stammen, zusammen funktionieren. Ihr gemeinsamer Nenner ist Farbe. Ich bin in jeder Hinsicht ein farbenfroher Mensch. Mein Lieblingshashtag auf Instagram lautet #beigeisnotacolor. Dabei habe ich gar nichts gegen Menschen, deren Vorliebe Beige ist, aber für mich ist das nichts – ich denke nun einmal, das Leben ist besser in Multicolor.

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