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ALLES IM FLUSS

 

  Die Donau bestimmt das Leben der Menschen im Delta. Sie ist Wasserweg, Sehnsuchtsort – und eine wichtige Nahrungsquelle für die Angler am Kanal bei Sulina

 

  Von den letzten Stunden eines Huhns

 EIN HUHN folgt Ignatz Crimschi in den Tod. Fünf Tage zuvor ist Crimschi, 87 Jahre alt, in seinem Bett verbrannt. Mit ihm fast sein gesamtes Haus, an den Weinreben im Vorgarten baumeln verkohlte Trauben. Vermutlich war Ignatz Crimschi mit einer Zigarette in der Hand eingeschlafen.

Der Tag des Begräbnisses ist einer der heißesten des Sommers in Letea, einem Dorf im rumänischen Donaudelta, am Rande Europas. Ein Traktor, der normalerweise auf seinem Anhänger Schilf transportiert, fährt den offenen Sarg durch den Ort. Im Führerhaus hängen weinrote Vorhänge. Staub legt sich auf den Sarg, auf Kopftücher, auf verschwitzte Gesichter.

An jeder Kreuzung hält der Traktor und mit ihm die gesamte Prozession der Dorfbewohner, die ihm folgt. Die Familie kniet, der Pastor predigt. Crimschis Nichte trägt das Huhn in einer Einkaufstasche.

 

  Durch das Delta verläuft die Grenze zwischen Rumänien und der Ukraine. Die Kirche ist ein großer Halt auf beiden Seiten. Im ukrainischen Wylkowe feiern Gläubige die Taufe Jesu

 

 Auf dem Friedhof lassen sechs Männer den Sarg mit dem Leichnam in sein Grab hinab. Weißer Sand rieselt hinterher. Der Pastor spricht ein Gebet. Zwei Frauen zerren das Huhn aus der Tasche. Dreimal werfen sie es über das Grab, fangen das panisch flatternde Tier wieder auf.

Die Trauergemeinde trifft sich nach der Beerdigung zum gemeinsamen Essen auf der Wiese vor der Kirche. Die Tochter kniet noch am Grab: „Gute Reise, Papa.“ Das Huhn wird der Köchin übergeben.

Das, was dem Toten im Leben am liebsten gewesen ist, geht mit ihm. So will es die Tradition im Donaudelta. Der Gefängniswärter Ignatz Crimschi verbrachte im Ruhestand viel Zeit mit seinen Hühnern.

 

  Der Leuchtturm wurde einst an der Küste errichtet. Aber das Delta wächst jährlich 40 bis 50 Meter in das Schwarze Meer hinein. Der Turm steht längst nicht mehr in Küstennähe

 

Jeder Tod im Delta ist ein doppelter Verlust. Kaum eine andere Region in Europa ist so dünn besiedelt wie das Land an der Mündung des großen Flusses Donau. Am östlichsten Zipfel Rumäniens lebt auf einer Fläche von 42 Fußballfeldern heute gerade mal ein Mensch. Es werden kaum noch Kinder geboren, die die wenigen Dörfer am Leben halten.

 Die Bewohner, die ausharren, werden Zeugen einer Wiedergeburt. Denn auf die Natur ist Verlass. Sie bringt Leben und Hoffnung hervor, wo Menschen aufgegeben haben.

 

  Am offenen Sarg nehmen Nachbarn und Freunde in Letea Abschied von Ignatz Crimschi

 

An der Mündung der Donau entsteht ein neues wildes Ökoparadies, einzigartig in Europa. Nicht weil sich viele Menschen darum gekümmert hätten. Sondern weil sich zu wenige darum kümmern.

Wer das wilde Delta wahrhaftig entdecken möchte, muss Letea und den Friedhof hinter sich lassen, muss tief hineintauchen in das Labyrinth aus Flussarmen und Seen.

Eine Erkundung vom Wasser aus: zu sturen Fischern, zu einer Vogelhochzeit und einer nassen Grenze.

  Entlang einer Straße, die nie gebaut wurde

 DIE FÄHRE „MOLDOVA“ fährt volle Kraft voraus, 13 Knoten, umgerechnet 24 Kilometer pro Stunde. Sie schafft noch nicht mal eine Bugwelle. Ein Schiff, ohne Würde gealtert.

An Bord dösen zwei Handvoll Menschen. Der Rest des Schiffes ist vollgestopft mit Waren. Zwischen den Sitzreihen lagern Kohlköpfe, Bananen und Schinken. Zaunlatten, Windeln, Wohnzimmermöbel und ein Gartenzwerg. Rohre, Küchenmaschinen und Katzenstreu. Alles fest verzurrt für den Fall, dass die Donau mal wieder bockt.

 

  In dem Dorf Caraorman bleiben die Fischer immer öfter zu Hause. Nur noch Überlebenskünstler ergreifen den traditionellen Beruf

 

Das Wasser hinter dem Heck schimmert gelbgrau, schlägt Kapriolen, kleine Wirbel. Kurz vor ihrem Ende wird die majestätische Donau anarchisch, teilt sich in drei Flussarme und Aberhunderte Seitenarme. Die „Moldova“ tuckert donauabwärts auf dem sogenannten Sulina-Arm. Selten lugt das Dach einer Hütte über die Spitzen des Schilfdickichts. Am Ufer stehen Reiher still wie Statuen. Denkmäler des Deltas.

Die „Moldova“ und ihre Schwestern von der Navrom-Delta-Schifffahrtsgesellschaft sind die wichtigsten Schiffe im Delta. Die Fähren pendeln zwischen der Kreisstadt Tulcea, rund 70 Kilometer im Landesinneren, und der Mündung der Donau in das Schwarze Meer. Dort liegt die Stadt Sulina, letzter Außenposten der EU.

 IM AUSGEHENDEN 19. Jahrhundert war Sulina ein Tor zur Welt. Die durchziehenden Matrosen nannten die aufstrebende Stadt „Europolis“. Bis heute führt dorthin und in die umliegenden Dörfer keine Straße.

Stattdessen fährt die „Moldova“. Die Fähre braucht dreieinhalb Stunden von Tulcea. Jeden Tag einmal hin, einmal zurück, im Winter nur dreimal in der Woche. 15 000 Menschen leben im Delta. Die Fähre ist ihre Nabelschnur. Sehr lang und sehr dünn.

Vom Fluss aus sieht Sulina nach großer Vergangenheit aus, nicht nach großer Zukunft. Die Poller am Ufer werfen lange Schatten, Nachmittagsträgheit, Kutscher lehnen müde an ihren Pferdekarren. Die leeren Fenster der Fabriken schauen vorwurfsvoll auf die Donau. Die Fischdosenfabrik, die Werft, in früheren Zeiten Arbeitsplätze für Tausende. Beide schlossen nach dem Zusammenbruch des Ostblocks in den 1990er Jahren. Der Freihafen, im neuen Jahrtausend eröffnet, ging schnell bankrott. Auf dem Gelände rostet ein Tanker, der vor Sulina auf Grund lief.

 

  Vor knapp 300 Jahren flohen Altgläubige aus Russland in das abgelegene Delta. Im Dorf Chilia Veche organisiert der Diakon Ion Tudorel das Gemeindeleben

 

Die „Moldova“ schleppt sich mit heiß gelaufenem Motor zur Anlegestelle. Neben ihr halten armdicke Taue zwei Frachter fest. Schatten verschlucken die Fähre. Die Fahrgäste wanken von Bord, noch nach Gleichgewicht suchend. Die Pensionsbesitzer, die an Land warten, wenden sich enttäuscht ab, als sie die spärliche Reihe der Neuankömmlinge sehen. Sie waren gekommen, um Gäste zu werben. Stattdessen setzt sich die Brigade der Lastenträger in Marsch. Zuletzt tragen sie den Gartenzwerg von Bord.

 LANGE ZEIT KONNTEN großeSchiffe das Donaudelta nicht befahren. Mitte des 19. Jahrhunderts war der Unterlauf der Donau ein Dschungel aus Morast und Untiefen. Die Schiffe blieben darin stecken. Im Jahr 1856 gründeten sieben Staaten die Europäische Donaukommission. Ihre Obliegenheit: einen Weg zum Schwarzen Meer freibaggern.

Hauptsitz der Kommission wurde die Stadt Sulina, bis dahin als Piratennest verschrien. Ukrainer und Russen, Osmanen und Griechen, Preußen und Österreicher zogen hierher. Die Kommission baute Kaianlagen und Leuchtturm, Schule und Krankenhaus. Die offizielle Sprache war Französisch, auf den Straßen herrschte ein babylonisches Gewirr, darunter die Sprache der Lotsen: Griechisch.

In den 1870er Jahren ließ die Kommission den Sulina-Arm des Flussdeltas ausbaggern. Die Kurven und Schlingen wurden durchschnitten, dem Delta wurde eine Gerade aufgezwungen. Sie machte den Weg frei für Hochseeschiffe. Die Donau war nun eine europäische Wasserstraße.

Damals fingen die Menschen an, das Delta nach ihren Ideen zu formen. Von Beginn an dachte die Kommission an den Bau einer Straße entlang des neuen Wasser-Schnellwegs. Doch der Erste Weltkrieg machte die Pläne zunichte.

Später versprach der rumänische Diktator Nicolae Ceauşescu seinem im Delta wohnenden Volk einige Male eine Straße. Und tatsächlich existiert eine Schotterpiste, mehr Loch als Weg, die in Tulcea beginnt. Aber sie endet lange vor Sulina abrupt im Dünensand.

14 000 Einwohner lebten einstmals in Sulina, jetzt sind es gut 3000. Sie wohnen in zwei Handvoll Straßen, parallel zum Fluss. Ein paar Griechen sind geblieben, wie ehedem auch heute die besten Lotsen.

 

  Viele Kinder des Deltas sehen ihre Heimat nur noch in den Ferien. Diese Studentin ist mit der Fähre auf dem Weg, sie will weiter nach Bukarest

 

Neue Pläne für eine Straße existieren nicht. Die Infrastrukturprojekte des Kreises befassen sich mit Abwasserrohren und Stromleitungen, nicht mit einer 70 Kilometer langen Asphaltdecke durch Sumpfgebiet.

 NATÜRLICH WÜNSCHEN SICH viele Einwohner von Sulina eine Straße. Der Bürgermeister, die Ladenbesitzer und ein paar Handwerker. Doch es gibt auch andere Stimmen. Ein Biologe, der in Sulina aufwuchs und im Dickicht des Deltas die Insekten erforscht, fragt: „Was würde die Straße bringen?“ Die Antwort gibt er selbst. „Autos wie in einer Sturmflut, Supermärkte, Hotelketten, viel Konkurrenz für Fischer, Bauern und Handwerker.“

 

  Ein Hauch alten Glanzes: Im Garten des ehemaligen Palasts der Donaukommission in Sulina züchten Mieter Tomaten und Gurken

 

Bis heute sorgt die fehlende Straße im Donaudelta dafür, dass die Zeit nicht rast, sondern fließt. Alles Neue kommt auf dem Wasserweg, der Strom der Donau trägt es herbei und bestimmt das Tempo. Aufstieg, Niedergang, Wandel – alles im Fluss.

Immer wieder erfindet das Delta sich neu, ändert alte Flussläufe, baut neue Inseln. Die Menschen, die hier wohnen, sind Teil dieses Zyklus, das Wasser bestimmt ihr Leben.

  Zu Wilderern, die im Trüben fischen

 EIN NEUER , sehr junger Tag im Donaudelta. Unter den ersten Sonnenstrahlen steigt Dampf von der Wasseroberfläche auf, die Schwaden gleiten wie eine Geisterarmee über den Fluss und verfangen sich schließlich im Schilfwald. Die Donau döst lammfromm in der Morgensonne.

Ein Boot braust durch die Stille, die Bugwelle bringt das Schilf in Unordnung. Der Mann am Motorhebel ist ein Fischer, er möchte Ionuts genannt werden, auch wenn er so nicht heißt. Die anderen sollen nicht wissen, dass er eine Journalistin an Bord hat.

 

  Reiher erheben sich über abgefackelte Schilfwiesen nahe dem Dorf Caraorman: Im Flussland kreuzen sich mehrere Vogelzugrouten. Mehr als 300 Vogelarten haben Ornithologen dort beobachtet

 

 Die Fischer im Delta sind scheue Gesellen. Viele haben aufgegeben. Sie sitzen in Sulina in ihren verfallenden Holzhäusern und weinen schon am Vormittag unsichtbare Tränen in ihre 2,5-Liter-Plastikflaschen Bier. Sie alle trauern den Fischen nach, die sie einstmals fingen.

 EINIGE FISCHER machen weiter, wollen darüber aber weder sprechen, noch dabei gesehen werden. Wer den ältesten Beruf des Deltas ausübt, hat sich längst aufs Tricksen verlegt. Im Geheimen selbstverständlich. Ionuts fragt: „Was macht ein Fischer mit Journalisten an Bord, wenn ihm ein guter Fisch ins Netz geht?“

Ein guter Fisch – das ist ein Stör. Vor Jahrzehnten zogen Störe in Schwärmen durch das Delta. Fünf Fischerbrigaden erfüllten in Sulina den sozialistischen Jahresplan. In jeder Brigade dienten 200 Mann. Die Fischer legten eine kilometerlange Fangleine, daran baumelten handtellergroße Haken mit Köder-fischen. Wenn die Fischer die Leine einholten, hingen daran Störe. Manche Exemplare waren nicht weniger als 500 Kilogramm schwer und trugen bis zu 80 Kilogramm Kaviar im Leib.

Die Fischer beherrschten scheinbar das Delta. Die Fische, die gesamte Natur waren ihnen untertan. Der Schein hielt ein paar Jahrzehnte.

Seit 1991 ist das Donaudelta ein Biosphärenreservat. 2006 wurde der Störfang in Rumänien verboten. Da waren der Fluss und seine Mündung schon leer gefischt.

Ionuts rechnet vor: 80 Kilogramm Kaviar, jedes Kilogramm bringt derzeit gut 1000 Euro auf dem Schwarzmarkt. Ein Fang nur, und er könnte sein Boot abbezahlen und müsste ein Jahr lang nicht mehr arbeiten.

Ionuts steuert sein Boot durch das Delta südlich von Sulina, er fährt vom Vătafu-Kanal in den Porcului-See. Auf den Karten des Biosphärenreservats ist dieses Gebiet rot umrandet. Befahren verboten. Fischen sowieso. Ionuts sagt: „Legales Gebiet: kein Fisch. Illegales Gebiet: viel Fisch.“

Das Wasser ist so flach, dass die Motorschraube im Schlick gräbt. Mit einem Holzruder schiebt der Fischer Schilfinseln beiseite und legt dabei enge Durchfahrten frei. Er merkt sich die Lage seiner Netze an der rosafarbenen Blüte einer Wasserlilie, dem umgeknickten Blatt einer Seerose. In dieser Gegend schwimmen keine Störe, aber vielleicht Karpfen, Welse, Hechte. Zappelnde Leiber in gespannten Maschen.

 

  Schilf gibt es im Überfluss. Die Deltabewohner ernten es, flechten daraus Körbe oder exportieren es in andere europäische Länder

 

Es gibt wenige offizielle Autoritäten im Donaudelta. Die Regierung in Bukarest ist weit weg und chronisch klamm. Der Bürgermeister von Sulina war früher Ingenieur in der Fischfabrik, dann wurde er Bürgermeister. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Mangel an Alternativen.

 DIE BEWOHNER des Flusslands setzen sich hartnäckig über Regeln hinweg. Das Abbrennen des Schilfs im Herbst ist untersagt. Ab September steht das Delta jedes Jahr in Flammen. Schnaps brennen, Wildschweinjagd mit Fallen und Speeren – verboten und mit Eifer praktiziert. Ionuts holt aus der Heckklappe seines Bootes ein Bündel mit gelben Plaketten, seine offizielle Lizenz zum Fischen. Er fährt lieber zu verbotenen Fanggründen.

Das Donaudelta ist keine Insel, aber seine Bewohner sind stur wie Insulaner, rebellisch wie ihre Piraten-Vorfahren. Das Wasser wirkt wie eine Barriere, die sie vor der Welt beschützt. Das Delta ist immer noch zu wild und zu unübersichtlich, um es wirklich zu beherrschen.

Die Verwaltung des Biosphärenreservats kontrolliert, ob das Fangverbot auch eingehalten wird. Das Hauptgebäude steht in Tulcea. Die Fischer nennen die Kontrolleure, die mit Motorbooten aus der Kreisstadt heranjagen, „Haie“.

Sie sind ziemlich zahnlos. Eine Mitarbeiterin der Verwaltung sagt, egal wie viele Kontrolleure sie aussendeten, es seien niemals genug. Die Beamten planen nun ein Überwachungssystem mit Satelliten.

Ionuts lehnt sich über die Kante seines Bootes, taucht den Arm ins Wasser, wühlt und sucht, bis er den Stock zu fassen bekommt, der die Reuse hält. Schlürfend taucht sie auf.

 

  Versteckt im Irrgarten des Deltas hoffen Schwarzfischer wie Ionuts (links) auf den großen Fang. Doch die Netze bleiben oftmals leer

 

Ein Hecht, untermaßig, ein Wels, ein paar Brassen. Für die Brassen bekommt der Fischer einen Euro pro Kilogramm. Den Wels lässt Ionuts im Netz, seine verzweifelten Flossenschläge sollen bis zum folgenden Tag größere Räuber anlocken.

Das anhaltende Räuber-und-Gendarm-Spiel mit den Kontrolleuren mögen die Fischer gewinnen, am Ende sind sie dennoch Verlierer. Es ist nicht mehr genug Fisch für ganze Brigaden da. Die Naturschützer erklären, das liege am Raubbau in den sozialistischen Jahren: Mit den Fangleinen und Stromschlägen haben die Fischer fast alles Leben im Wasser ausgerottet.

Das Zentrum in Tulcea rät den Fischern, sie sollten ihre Netze an den Nagel hängen und in ihren Booten Touristen herumkutschieren. Als ein Fischer diesen Vorschlag hört, spuckt er aus und sagt: „Dann werde ich doch lieber Tischler und zimmere meinen eigenen Sarg.“

 Ionuts hingegen kann sich durchaus vorstellen, demnächst umzuschulen. Der Tag war mies, der Fang kümmerlich. Wohin würde der Fischer Ionuts mit seinen Gästen fahren?

„Zu den Vögeln.“

  Zu Ruinen, in denen das Leben tobt

„YEAH! LEUTE, SEHT IHR das? Weißstorch, und rechts davon Beutelmeise. Auf drei, nein, auf fünf, jetzt auf vier Uhr.“ Ferngläser schwenken nach rechts. Derk Ehlert ist schon wieder woanders. „Rauchschwalben auf der Leitung. Alles Jungvögel. Siehste am Hals.“ Die Ferngläser schwenken nach links.

Ehlert ist 50 Jahre alt, Berliner, Vogelbeobachter, Typ: Großstädter, der sich auch nachts allein in den Wald traut. Das Donaudelta: „Ein Paradies. So was findste nich in Deutschland.“

Ehlert steht breitbeinig oben auf dem Deck eines Ausflugsboots mit dem Namen „Mar“. Neben ihm und vorn auf dem Bug sitzen zehn weitere Deutsche mit Ferngläsern vor ihren Augen, Birdwatcher wie Ehlert. Beamte, Apotheker, Neurochirurgen. Im Gesicht eine dicke Sonnencremeschicht, an den Füßen Trekkingsandalen.

 ES IST HOCHSOMMER, Hundstage. Alte Weiden wiegen ihre Mähnen über Sumpfgärten aus Lilien und Seerosen. Die Donau wirft Grübchen auf ihrer Oberfläche, sie liegt türkisgrün in der Vormittagssonne, glimmert froschfarben in Ufernähe.

„Achtung, Eisvogel!“ Derk Ehlert unterbricht sich oft selbst. Er referiert über Mauersegler in Berliner Kleingärten und ruft dann unvermittelt: „Schöner Kampfläufer, schönes Männchen, weiß. 2 Uhr, 7 Grad.“ Eine Frau vom Bug fragt: „Derk, ist das da ein Greifvogel?“ – „Nee, ne junge Graugans.“

 

  Unter Vogelbeobachtern gilt das Donaudelta schon länger als Paradies. Der Berliner Derk Ehlert (mit ausgestrecktem Arm) organisiert Touren dorthin

 

Von Ehlert heißt es, er brauche nur einen Flügelschlag zu sehen und wisse sofort, um welchen Vogel es sich handelt. Als seine Schulfreunde sich zum Geburtstag ein Fahrrad mit Bananensattel wünschten, wollte er ein Vogelbestimmungsbuch.

Seit zwölf Jahren organisiert Derk Ehlert Touren für Vogelbeobachter in das Delta der Donau. Die „Mar“ steuert Mihai Baciu, Rumäne und Pfundskerl. Er trägt Kopftuch und sieht aus wie ein Motorradfahrer, der die Harley gegen ein Schiff getauscht hat. Baciu fährt Schritttempo. Wenn sein Handy klingelt, ertönt der Ruf eines Waldkauzes.

Mihai Baciu ist am Unterlauf der Donau aufgewachsen. Er hat fast alle Vögel des Deltas beobachtet und fotografiert. Er treibt die Reisegruppe jeden Morgen früh aufs Boot. Wenn die Vögel aufwachen, schleicht Bacius „Mar“ an ihrem Nest vorbei.

 KEIN WUNDER, dass sich zwei Vogel-Verrückte wie Ehlert und Baciu im Donaudelta treffen. 340 heimische Vogelarten wurden dort bereits beobachtet. Das Flussland bildet eine Kreuzung im internationalen Vogelflugverkehr. Dort treffen die Nord-Süd- und die West-Ost-Zugrouten der Vögel aufeinander. Purpurreiher und Seeadler, Bienenfresser und Blauracken.

Sie rasten, nisten und leben in einer Landschaft der Rekorde. Europas zweitgrößtes Flussdelta nach der Wolga, eines der ausgedehntesten Feuchtgebiete Europas, das größte zusammenhängende Schilfrohrgebiet der Welt.

Ein „Sonnentrotzer“ sei die Donau, schrieb der griechische Geschichtsschreiber Herodot, weil sie anders als viele andere europäische Flüsse nicht auf einer Nord-Süd-Bahn fließt, sondern von West nach Ost strömt, dem Sonnenaufgang entgegen.

 Ihre Quelle liegt bei Donaueschingen. Rund 2860 Kilometer weit sucht der Fluss nach dem Meer, er frisst sich durch Österreich und Ungarn, verwandelt Steppen in fruchtbare Felder und spaltet die Karpaten. Bevor seine Existenz an der Küste Rumäniens endet, hat er Europa durchschnitten und das Wasser von rund 150 Flüssen in sich aufgenommen.

Das Delta ist nichts anderes als vom Strom herangeschwemmte, in ganz Europa aufgesammelte Erde. Das Land wächst nach Schätzungen jedes Jahr 40 bis 50 Meter ins Schwarze Meer hinaus.

Die „Mar“ legt am Ufer eines Seitenarms an, die Birdwatcher gehen an Land. Sie stolpern hüftsteif über versteppte Felder rund um das Dorf Caraorman. In dieser Gegend wurde vor 30 Jahren beinahe das Ende des Deltas eingeläutet.

Nicolae Ceauşescu ließ vermeintlich nutzlose Sumpf- und Wasserflächen trockenlegen, um sie in Äcker zu verwandeln oder Fabriken auf ihnen zu bauen. Rechtzeitig, um den Öko-GAU zu verhindern, kollabierte der Ostblock. In Caraorman war gerade eine Siliziumförderanlage fertiggestellt worden. Sie ging niemals in Betrieb. Große Pläne, erstarrt zu Ruinen.

Seit den 1990er Jahren erholt sich das Donaudelta weitgehend unbehelligt von Masterplänen. Für große Renaturierungsmaßnahmen fehlt schlicht das Geld. Die Natur allerdings braucht keine Pläne.

„Sieht aus wie ein Unort, steckt aber voller Leben“, sagt Derk Ehlert. Im Gestrüpp liegen Glasflaschen und Plastikbecher. Ehlert fährt fort: „Unsichtbarer Dreck ist schlimmer, zum Beispiel die Pestizide, die von deutschen Äckern in die Flüsse sickern.“

 ZWISCHEN DREI KUHFLADEN stellt Ehlert sein Spektiv auf. Die Gruppe hängt an seinen Lippen. „Dippderipp. Habt ihr gehört? Eine Wachtel.“ Während er durch das Spektiv blickt, zeigt er hinter sich: „Ich höre eine Brachschwalbe.“ Die anderen starren ratlos in den blauen, vogellosen Himmel.

Sie sehen dann noch ein Steinkauzpaar, das in der Ruine nistet, Schwarzkopfmöwen, „abmausernd“, einen Bienenfresser mit Libelle im Schnabel und eine Rotflügel-Brachschwalbe. „Wow, die ist selten.“ Als das Delta 1994 erstmals genau begutachtet wurde, zählten Naturschützer 3486 verschiedene Arten in Flora und Fauna. Bei der vorerst letzten Zählung 2017 waren es 9581 Arten. Das Delta blüht auf, es schwirrt und sirrt, grunzt und brummt, flattert und schnattert.

  Auf einem Fluss, der kein Ende hat

 DIE „IRINA“ pflügt durch das Schwarze Meer. Gischt schäumt vor ihrem Bug. Das Lotsenschiff ist erst ein paar Wochen alt. Zwei Motoren, die zusammen 720 PS bringen. In jeder Schicht schickt Kapitän Mihai Tomazatos seine dreiköpfige Crew mehrmals zum Fegen und Staubwischen.

Jeder Frachter, der die Donau verlässt oder hineinfährt, wird von einem Lotsen begleitet. Der Sulina-Arm ist zwar breit, für große Schiffe dennoch ein Nadelöhr. Und das Schwarze Meer vor der Küste ist voller Untiefen.

Mihai Tomazatos steuert vom offenen Meer in Richtung Donau, auf Sulina zu. In seinem Rücken ist noch das Frachtschiff „San Portyrios“ zu sehen, beladen mit Weizen auf dem Weg nach Griechenland. Vor wenigen Minuten ist der Lotse von Bord gegangen, die „Irina“ hat ihn aufgenommen.

 Es ist ein riskantes Manöver, gerade auf offener See. Der große Frachter und das 16,5 Meter lange Lotsenschiff liegen Wand an Wand, beide Spielball der Wellen. Der Lotse balanciert auf einer Leiter hinüber.

„Ab nach Hause“, sagt Mihai Tomazatos und drückt den Geschwindigkeitshebel nach vorn. Am Himmel zieht ein Schwarm Pelikane in Pfeilformation vorbei, bestimmt 60 Tiere mit majestätischem Flügelschlag. Tomazatos zeigt auf das Wasser. Dort liegt eine Grenze, einige Meter steuerbord voraus, genau oberhalb einer Sandbank. Das milchig-braune Süßwasser der Donau geht in das bleifarbene, abgründige Schwarze Meer über. Eine Grenze im Wasser, wie mit dem Radiergummi verwischt.

Zahlreiche Schriftsteller haben diese Grenze beschrieben. Hier küsse die Donau das Schwarze Meer. Es sei die Stelle, an der der alte Danubius Wasser und Namen verliere. Es sollte also das Ende der Donau sein.

Und mit ihr auch das Ende Europas.

Wäre da nicht ein Schild am Mündungsufer. Die „Irina“ passiert es auf ihrem Weg in den Heimathafen Sulina. Auf dem Schild steht eine „0“.

In der Regel werden Flüsse von ihrer Quelle ab kilometriert. Bei der Donau ist es genau andersherum. Die Europäische Donaukommission legte fest: Dieser Fluss wird von der Mündung her vermessen.

Hier endet sie also nicht, hier beginnt sie, die Donau. Ein Anfang, der Großes verspricht.

 FLUSSLABYRINTH

 Das Delta der Donau formte sich über Jahrtausende und ist nach dem Wolgadelta das zweitgrößte Mündungsgebiet Europas. Es besteht aus drei Hauptarmen und unzähligen Nebenflüssen, Gräben, Sümpfen, Schilfauen, Sandbänken, Inseln und Seen

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