ENTDECKENBIBLIOTHEK
searchclose
shopping_cart_outlined
exit_to_app
National Geographic (D)

DIE KONTROLLE VERLOREN

  DER KLIMAWANDEL tötet schleichend und indirekt: durch Feuer, Dürre, Kälte, Hunger. Der Tod eines einzelnen Tieres lässt sich selten zweifelsfrei auf den Klimawandel zurückführen – auch nicht der dieses verhungernden Eisbären.

Gemeinsam mit dem Fotografen Paul Nicklen bin ich auf einer Mission, Bilder einzufangen, die die Bedeutsamkeit des Klimawandels vor Augen führen. Es ist nicht leicht, dessen Auswirkungen auf die Tierwelt zu dokumentieren. Dieses Bild, so hatten wir gehofft, würde die Vorstellungskraft der Menschen anregen und zeigen, welche Folgen die Veränderung unseres Klimas nach sich ziehen könnte. Vielleicht waren wir naiv. Das Bild ging um die Welt – und wurde wörtlich genommen.

Paul entdeckte den Eisbären vor ungefähr einem Jahr, als er eine einsame Bucht der Insel Somerset Island in der kanadischen Arktis erkundete. Wir stellten sofort ein SeaSwat-Einsatzteam unserer Organisation SeaLegacy zusammen. Diese haben wir 2014 gegründet, um auf drängende Themen des Meeresschutzes aufmerksam zu machen. Einen Tag nach Pauls Anruf flogen wir zu einem Inuit-Dorf in Resolute Bay. Wir wussten nicht, ob wir den Bären finden würden und ob er noch lebte.

Als wir mit einem Schiff die Bucht erreichten, suchte ich die Küste mit dem Fernglas ab. Ich sah vereinzelte, heruntergekommene Häuser, leere Ölfässer und ein trostloses, offenbar verlassenes Fischercamp. Nur der Bär war nirgends zu sehen. Erst, als er seinen Kopf hob, erspähten wir ihn: Er lag auf dem Boden wie ein zurückgelassener Teppich, fast leblos. Seine Statur deutete auf ein großes, männliches Exemplar hin.

 Wir wollten näher herankommen. In einem Motorschlauchboot fuhren wir an Land. Der starke Wind verhinderte, dass der Bär unsere Witterung aufnahm oder den Motorlärm hören konnte. Wir versteckten uns in einem der verlassenen Gebäude und beobachteten ihn. Eine Stunde lang rührte er sich nicht.

 VIELLEICHT WAR ES EIN FEHLER, NICHT DIE GANZE GESCHICHTE ZU ERZÄHLEN: DASS WIR NACH EINEM SYMBOLBILD SUCHTEN, DAS DIE ZUKUNFT ZEIGT.

 Als er sich schließlich aufrichtete, schnappte ich nach Luft. Paul hatte mich gewarnt, dass der Bär in keiner guten Verfassung wäre, doch nichts hätte mich auf diesen Anblick vorbereitet. Das weiße Fell war zerzaust und verdreckt, der einst kräftige Körper nur noch Haut und Knochen. Er bewegte sich langsam vor Schmerzen. Er war krank oder verletzt – und am Verhungern. So viel war klar. Wir waren sicher, dass ihm nur noch wenige Tage blieben. Ich machte Fotos, Paul nahm ein Video auf. Während der Bär zu einem Ölfass trottete, um Nahrung zu suchen, hörte ich meine Kollegen schluchzen.

Als Paul das Video auf seiner Instagram-Seite einstellte, schrieb er: „So sieht Verhungern aus.“ Er verwies auf Forscher, denen zufolge die Eisbären im nächsten Jahrhundert aussterben werden. Er fragte, ob die weltweit verbleibenden 25000 Eisbären wohl ebenso qualvoll sterben müssten. Er forderte die Leser auf, das zu verhindern und ihren CO2-Fußabdruck möglichst stark zu reduzieren. Aber er schrieb nicht, der Klimawandel habe den Bären getötet.

NATIONAL GEOGRAPHIC griff das Video auf und fügte Untertitel hinzu. Auf der NATIONAL GEOGRAPHIC-Website wurde es zum meistgesehenen Video aller Zeiten. Nachrichtendienste auf der ganzen Welt berichteten darüber. Wir schätzen, dass überwältigende 2,5 Milliarden Menschen unsere Aufnahmen gesehen haben. Die Mission war ein voller Erfolg.

Doch es gab ein Problem: Wir hatten die Kontrolle über ihre Botschaft verloren.

In der ersten Zeile des NATIONAL GEOGRAPHIC-Videos stand: „Das ist das Gesicht des Klimawandels.“ Rückblickend gesehen, ging man damit zu weit. Andere Medien veröffentlichten dramatische Schlagzeilen: „So grausam ist der Klimawandel!“, titelte etwa die Bild-Zeitung.

Wir haben ein erschütterndes Bild in die Welt gesetzt. Und es hätte uns nicht überraschen dürfen, dass dabei Feinheiten verloren gingen, die wir vermitteln wollten. Die Resonanz war groß: Viele Menschen bedankten sich und schrieben, wir hätten dem Klimawandel ein Gesicht gegeben. Andere fragten wütend, warum wir den Bären nicht gefüttert, zugedeckt oder zum Tierarzt gebracht hätten. Diese Reaktionen zeigten, wie ahnungslos manche in Bezug auf Wildtiere, Ökologie und Geografie sind. Denn nichts davon hätte den Eisbären retten können. Natürlich gab es auch jene, die den Klimawandel weiter vehement leugnen. Für sie lieferten wir bloß ein weiteres Beispiel, wie Umweltschützer durch Übertreibung Hysterie schüren. Sie zeigten uns, wie viele Menschen wir noch erreichen müssen.

Vielleicht war es ein Fehler, nicht die ganze Geschichte zu erzählen: dass wir auf der Suche nach einem Symbolbild gewesen waren, das die Zukunft zeigt – dass wir aber nicht wussten, was genau diesem einen Eisbären passiert war. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, dass er aufgrund des Klimawandels verendete. Doch ich weiß: Eisbären brauchen Packeis, um zu jagen. Die Arktis erwärmt sich rasch, und das Meereis schmilzt von Jahr zu Jahr für zunehmend lange Perioden. So stranden immer mehr Eisbären an Land, wo sie keine Beutetiere wie Seehunde, Walrosse und Wale jagen können – und daher langsam verhungern.

Nachdem er in den Ölfässern nichts Essbares gefunden hatte, stapfte der Eisbär ins Wasser und schwamm davon. Dort schien er sich unbeschwerter zu bewegen, und er verschwand hinter einer Biegung der Küste. Wir sahen ihn nie wieder.

Wir hoffen, unsere Bilder des sterbenden Eisbären haben das Thema Klimawandel wieder etwas in den Vordergrund gerückt – dort, wo es hingehört, bis wir dieses globale Problem gelöst haben. Bis dahin werden wir weitere solcher Szenen einfangen – und besser erklären.

 Aus dem Englischen von Kathrin Dorscheid

 Cristina Mittermeier ist als Fotografin, Rednerin und Forschungsreisende für NATIONAL GEOGRAPHIC im Einsatz. Sie ist Mitbegründerin und Geschäftsführerin der gemeinnützigen Organisation SeaLegacy zum Schutz der Ozeane.

 

help