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NEON

WIR KÖNNEN AUCH ANDERS

 Zwölf Jahre nach ihrem Abitur und zwölf Stunden vor einem Arbeitstermin beginnt Wibke Bohny ihr Studium. Ethnologie, 180 Punkte, sechs Semester, Bachelor of Arts. Wibke hat sich am Morgen einen gemusterten Rock und Chucks angezogen und ihre Thermoskanne in die Tasche gesteckt. Jetzt steht sie vor der Fassade des Uni-Hauptgebäudes, auf dem der feierliche Schriftzug „Der Forschung – der Lehre – der Bildung“ prangt. Diesen drei Dingen wird sich Wibke fortan widmen. Das erhabene Gebäude, all das alte Wissen um sie herum, flößt ihr Ehrfurcht ein. Aber in die leichte Nervosität mischt sich Vorfreude auf das, was kommt.

Bislang widmete Wibke sich einem anderen Dreiklang: „Der Schwangerschaft – der Geburt – dem Wochenbett“. Nach dem Abitur hat Wibke eine Ausbildung zur Hebamme gemacht. In den vergangenen neun Jahren hat sie gesunde und kranke Kinder auf die Welt gebracht, Kinder von Heroinabhängigen und Kinder von Frauen, die sich ihre Kaffeekapseln per Taxi ins Nobelviertel chauffieren lassen, um nicht bei Regen aus dem Haus zu müssen.

Jetzt also: feierliche Begrüßung der Studierenden, dann Vorstellungsrunde mit den anderen Erstis. Die Studierenden sollen drei Aussagen über sich treffen – zwei wahre, eine falsche, dann wird geraten. Bei einer von ihnen sind sich die meisten sicher, dass ihre Angabe, sie sei minderjährig, falsch ist. Sie irren sich. Die Studentin ist tatsächlich unter 18. Wibke ist an ihrem ersten Unitag 32. Wie wird das sein, mit deutlich Jüngeren abzuhängen?

Wibke macht etwas, was viele nur beim Feierabendbier ausleben. Sie fängt noch mal ganz von vorn an. Bei den meisten, die von Job oder Studium genervt sind, läuft es ja eher so ab: Ein Bier, na ja, eins noch, und das Gegenüber erzählt: Und dann er so, und dann ich so, und dann, das glaubst du nicht! So geht das nicht mehr weiter. Mir reicht’s. Noch ein Bier. Oder wir machen endlich die Kneipe auf, das wollten wir doch schon immer. Oder ich werde Influencer. Ja, echt, wieso denn nicht? Genau. Prost!

Madonna hat es über Jahrzehnte vorgemacht: Für jedes Album hat sie sich neu erfunden und wurde von den Journalisten dafür gefeiert. Sie war schon Sex-Ikone, Country-Girl, Techno-Göttin, Aerobic-Maus, Heilige am Kreuz und Gothic Girl. Und wer kennt sie nicht, diese Berichte von Menschen, die ihre Berufe wechseln wie andere ihre T-Shirts und jedes Mal Weltklasse werden. Können, ja müssen wir das auch – uns alle paar Jahre neu erfinden?

„Wenn man zwei Tage am Stück keine Lust auf seine Arbeit hat, sollte man den Job wechseln.“ So radikal hat es der kanadische Astronaut Chris Hadfield mal formuliert. Jener Astronaut, der – obwohl er zwei Weltraumspaziergänge gemacht hat – vor allem dadurch bekannt wurde, dass er schwerelos auf der ISS „Space Oddity“ von David Bowie auf der Gitarre spielte und sang.

  Madonna hat sich alle paar Jahre neu erfunden. Sie war schon Sex-Ikone, Country-Girl, Aerobic-Maus und Heilige am Kreuz

 Zwei Tage. Das scheint gar nichts, wenn man die Biergespräche zum Maßstab nimmt. Gefühlt müsste die Zahl der Karrierewechsler riesig sein. Ist sie aber nicht. Die Gespräche wiederholen sich ziemlich oft, ehe einer wirklich mal hinschmeißt. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat festgestellt: Nur 3,4 Prozent der Beschäftigten in Deutschland wechseln pro Jahr das Berufsfeld. Das bedeutet auch: Über 96 Prozent bleiben.

Warum wenden so wenige das Madonna-Prinzip an? Ist ein Karrierewechsel in Wahrheit doch keine so gute Idee – oder sind wir einfach zu faul oder zu feige?

Carl und Wibke Bohny haben beide noch mal studiert und sind happy damit

(Foto: Bartosz Ludwinski)

 Radikale Ideen erscheinen im ersten Moment immer am einfachsten. Alles hinter sich lassen, durchschnaufen, noch mal neu anfangen. Ein Café eröffnen. Endlich Schreiner werden. Endlich Nachhaltigkeitsmanagement studieren und die Welt retten. Spricht man hingegen mit der Karriereberaterin Madeleine Leitner, bekommt man das Gefühl: Meistens ist ein radikaler Kurswechsel keine gute Idee.

Madeleine Leitner hat über 2000 Menschen bei der beruflichen Orientierung begleitet. Ähnlich wie ein Arzt versucht sie, erst einmal die wirklich schlimmen Dinge auszuschließen und zügig herauszufinden, was dem Patienten fehlt. Verbergen sich hinter der Unlust womöglich ganz andere Probleme, eine Depression oder Beziehungsprobleme vielleicht? Vor allem aber: Was genau stört einen an der Arbeit? Leitner hat besonders lärmempfindliche Menschen erlebt, die im Großraum arbeiten, und solche, die eigentlich Sozialphobiker waren, ohne es zu wissen. Und Menschen, die goldrichtig in ihrem Beruf sind und nur unter einem launischen Chef oder unmotivierten Kollegen leiden. Oder auch solche, die einfach immer unzufrieden sind, denen es „einfach zu gut geht“, wie sie sagt. Von 100 ihrer Kunden steckten nur drei bis fünf tatsächlich im falschen Beruf.

Die Musikerin Mia Diekow gehört nicht zu diesen drei bis fünf. Es ist der Vorentscheid für den Eurovision Song Contest (ESC) 2013, als die damals 26-jährige Sängerin spürt, dass sie im richtigen Beruf steckt, aber auf der falschen Bühne steht. Dabei ist die Stimmung in dem Moment „total gut“. Kurz nach dem Abitur war Mia klar, dass sie Musik machen will, Indie-Pop. Sie suchte einen Produzenten und ein Label.

 Leicht war das nicht, die Indie-Szene, sagt sie, ist ein „Boys Club“.

Die Musikerin Mia Diekow sollte kommerzieller sein, einen Radiohit schreiben. „Ich habe gemerkt: Hier läuft was falsch“, sagt sie

(Foto: Bartosz Ludwinski)

 Sechs Jahre lang schreibt Mia Songs und nimmt sie auf. „Ich hatte keine Barrieren im Kopf.“ Das Label, mit dem sie 2011 den ersten Plattenvertrag abschließt, hat hingegen genaue Vorstellungen. Mia solle kommerzieller sein, einen Radiohit schreiben. „Schon in den ersten Marketing-Meetings habe ich gemerkt: Hier läuft was falsch.“ Trotzdem entschließt sie sich, am ESC-Vorentscheid teilzunehmen.

Zum ESC-Vorentscheid geht sie aus schlechtem Gewissen, weil sie schon so viele andere Wünsche abgeschmettert hat. „Ich habe gespürt, dass ich hier nicht hingehöre“, erinnert sie sich an das Gefühl auf der Bühne. Kaum ist das Album draußen, beschließt sie den Neustart – innerhalb der Musikszene. Ein Wagnis. Mia Diekow macht ab diesem Moment alles allein, ohne Label und ohne Mainstream im Hinterkopf. „Das tut so gut. Seit ich mir selbst vertraue, läuft alles besser.“

Weil sie sich alles selbst beibringt, bestätigt ihr aber auch keiner offiziell, dass sie es kann. „Ich hatte Schiss, dass hinterher alle sagen: Da hast du dich überschätzt. Warum hast du keinen Profi rangelassen?“ Als sie ihren ersten eigenen Mix hört, weiß sie, dass sie es draufhat. „Wir haben die ganze Nacht daran gearbeitet, und morgens im Taxi habe ich vor Glück geweint.“

Oft merken Menschen, genau wie Mia, recht schnell, dass etwas beruflich falsch läuft. Nur gestehen viele es sich nicht ein. Stattdessen graben sie sich, hat die Karriereberaterin Leitner immer wieder festgestellt, immer weiter hinein und machen sich damit erst richtig fertig. „Retrapping“ nennt Leitner das Phänomen. „Das ist ein Fehler“, sagt sie. „Besser ist es, frühzeitig bewusst nachzudenken und gegebenenfalls umzuschwenken.“ Dafür braucht man ein neues Ziel – und Mut.

In Neustudentin Wibke brodelt es etwa ein Dreivierteljahr, bevor sie sich für den Studienplatz bewirbt. Sie liebt ihren Beruf nach wie vor. Aber die Arbeitsbedingungen haben sich verschlechtert. Die Berufshaftpflichtversicherung ist für freiberufliche Hebammen so stark gestiegen, dass die Geburtshilfe sich für sie nicht mehr rechnet, und in den Klinikbetrieb will Wibke nicht mehr. Also steigt sie auf Vorbereitungskurse und Wochenbettbetreuung um – und kommt irgendwann an den Punkt, an dem sie denkt: „Will ich die nächsten 30 Jahre am Sonntagmittag angerufen werden, weil ein Baby grün gekackt hat?“

  Viele merken schnell, dass beruflich etwas falsch läuft. Nur gestehen sie es sich nicht ein, sondern graben sich immer weiter hinein

 Das Beispiel dafür, dass man, um voranzukommen, manchmal erst einmal wieder einen Schritt zurückmuss, sitzt Wibke jeden Morgen und jeden Abend beim Essen gegenüber: Carl, ihr Mann. Carl, heute 34, hatte eigentlich eine Karriere hingelegt, von der viele träumen. Erst ein Bachelor im Fach Internationale Beziehungen, dann ein Master in International Economics und von dort aus gleich eine Anstellung bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Für die GIZ arbeitete er vier Jahre, zwei davon als Projektmanager in Peking. Etwas Sinnstiftendes, sollte man meinen. Aber Carl war die Arbeit zu oberflächlich, zu wenig fachlich. „Ich wollte nicht immer nur die Verträge von Experten verwalten, sondern vielleicht selbst einmal einer werden“, sagt Carl. Und dafür musste Carl noch einmal ganz andere Dinge lernen. Also schrieb er sich an der Technischen Universität in Hamburg-Harburg für Energie- und Umwelttechnik ein. Zurück zum Bachelor.

  Wer mit über 30 noch mal studieren will, wird weniger gefördert als die jüngeren Kommilitonen

 Als Wibke zum ersten Mal die Universität Hamburg betritt, da weiß Carl schon, wie es sich anfühlt, Zeit mit zehn Jahre jüngeren Mitstudenten zu verbringen. Nämlich gar nicht schlimm. Er war schnell integriert, spielte jede Woche mit ihnen Squash. Dafür bestätigte sich sein Anfangsverdacht: dass ihn Thermodynamik und Regelungstechnik mehr ins Schwitzen bringen würden als die politischen Theorien in seinen ersten Studiengängen. „Bei Mathe und Chemie kann man sich in der Prüfung nicht mit schönen Formulierungen durchlavieren“, sagt er.

Aber genau das wollte er ja auch. Nicht mehr reden, sondern rechnen. Seinen Abschluss schaffte er. Inzwischen arbeitet er bei einem mittelständischen Beratungsunternehmen für Solarprojekte.

„Ohne den Carl hätte ich es nicht gemacht“, sagt Wibke mit Nachdruck. Weil er sie, sobald sie über ein Studium nachdachte, ermutigte: „Mach es!“ Wibke hatte selbst gesehen, wie erschöpft, aber zufrieden er oft von der Uni nach Hause kam. „Ich hatte auch einfach Lust, mal wieder etwas Neues zu lernen, neuen Input zu bekommen“. Als sie auf der Homepage der Uni Hamburg durch die Studienbeschreibungen scrollte, machte es bei Ethnologie sofort klick. „Alles daran interessiert mich. Und es gibt viele Überschneidungen mit Themen, die ich aus meinem Berufsalltag schon kenne“, sagt Wibke. Die Ethnologie geht der Frage nach, wie Menschen ihr Leben in verschiedenen Regionen der Welt organisieren. Und als Hebamme hat man viel mit Ritualen und fremden Kulturen zu tun.

Nach ihrem Studium möchte Wibke ihre beruflichen Erfahrungen als Hebamme mit ihren neuen akademischen Kenntnissen verbinden. Vielleicht Schulungen in Entwicklungsländern geben oder Ausbildungsgänge aufbauen. Bis dahin bleibt ihr Leben erst mal anstrengend. Mütter richten ihre Geburtstermine nicht nach Wibkes Abgabedaten für die Hausarbeiten. Und sie wird weiterhin bei Windelnotfällen angerufen. Von Carl, darauf legt sie Wert, bleibt sie finanziell unabhängig.

Carl finanzierte sich das Zweitstudium mit Erspartem aus dem vorherigen Job. Wer mit über 30 nochmal studieren will, hat es finanziell erst einmal schwerer als die jüngeren Kommilitonen: Man bekommt ab 30 Jahren im Bachelor-Studium meist kein Bafög mehr; bei einem Master-Studiengang wird manchmal bis 35 Bafög gewährt. Aber auch viele Stipendien sind nicht mehr zugänglich. Carl und Wibke finden das ungerecht: „Dabei heißt es immer, man soll lebenslang lernen.“ Wibke fände eine Art Ausbildungsgeld hilfreich, ähnlich einem Elterngeld. Carl sieht das genauso: „Wer lebenslanges Lernen predigt, muss Menschen ermöglichen, das auch zu tun. Learning by Doing ist bei vielen technische Berufen keine Option. Sie ändern sich oft rasant und grundlegend.“

Etwas Abhilfe schaffen spezielle Stipendien für Berufserfahrene. Es gibt außerdem den Bildungskredit, den man bis 36 Jahre beantragen kann. Den Studienkredit der KfW kann man bis 44 Jahre aufnehmen.

Auch die Musikerin Mia finanzierte sich den Übergang, indem sie in ihrem ursprünglichen Beruf arbeitete. Seit sie fünf Jahre alt ist, arbeitet sie als Synchronsprecherin. Heute verdient sie mit ihrer Musik ähnlich viel wie vor der Kündigung. „Aber auch wenn ich nicht abgesichert gewesen wäre, hätte ich alles genauso gemacht“, sagt sie. „Heute bin ich Managerin, Videoregisseurin, Sängerin, Songwriterin, Produzentin, Synchronsprecherin. Was soll mir jetzt noch passieren?“

 Carl gesteht, dass er im Nachhinein am besten gleich Physik im Erststudium studiert hätte. Nun ist es ihm dafür zu spät, Energietechnik ist sein Kompromiss.

Wenn man mit Neuanfängern wie Wibke, Carl und Mia spricht, stellt man fest: Sich neu zu erfinden heißt nicht, dass man gleich alles hinschmeißt. Selbst dann nicht, wenn man den Rat von Astronaut Chris Hadfield beherzigt, schon nach zwei lustlosen Arbeitstagen etwas zu ändern. Etwas ändern – ja. Alles? Nicht unbedingt. Zwischen „Alles auf null“ und gefrustetem Verharren gibt es viele Nuancen.

Bei genauerer Betrachtung hat sich ja nicht einmal Madonna bei jedem neuen Album komplett neu erfunden. Sie hat sich lediglich musikalisch und modisch verändert. Sie ist nicht Pilotin, Chirurgin oder Lehrerin geworden. Und ihre versuchte Neuerfindung als Schauspielerin floppte sogar. Madonna hat nur neue Versionen ihrer selbst gezeigt: der Queen of Pop.

Genau wie ihr wird wohl auch Mia, Wibke und Carl deshalb eines ziemlich sicher nicht mehr passieren: dass sie mehrere Abende hintereinander beim Feierabendbier sitzen und keine Lust haben, am nächsten Tag zur Arbeit zu gehen. Und falls doch, dann wissen sie jetzt zumindest, was zu tun ist.

 

 

Foto: Bartosz Ludwinski; Model: Amei PMA

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