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Robb Report (D)

WIE ICH DIE MILLE GLEICH ZWEIMAL FUHR

Es ist 4.30 Uhr. Frankfurt schläft. Die Lichtinstallationen der Hochhäuser legen einen kalten Glanz über die Stadt. Die roten Herzen des Bahnhofsviertels wärmen kaum. Die Straßen sind leer. Mit Vollgas kehre ich der Mainmetropole den Rücken. Die Skyline verschwimmt im Rückspiegel. Der erste Gang existiert fast nicht: Einmal durchtreten, schon hängt man im Begrenzer. Den zweiten und fünften erlebt man mit dem Kopf fest im Sitz, jetzt sind 11,7 Sekunden vergangen, und die Tachonadel überspringt die 200-km/h-Grenze. Der sechste läuft zur Form auf, wo normale Autos absperren, nämlich bei 250 km/h.

Der V8-Motor dreht an seiner oberen Grenze, seit Kurzem ist der achte Gang eingespannt. Irgendwann zeigt der digitale Tachometer die 3 an. Dahinter eine 0. Die letzte Stelle kann ich nicht mehr erkennen. Mein Blick richtet sich starr auf die Straße. Der Panamera ist schnell, sehr schnell. Dabei lässt er diese paar Sekunden, die einen Bubentraum erfüllen, gleichzeitig fast unspektakulär erscheinen: 3-0-0 km/h.

Das irre Tempo gilt es zu halten, doch die streng limitierten Autobahnen Österreichs ruinieren den Schnitt. Mit solchen Problemen hatte man früher nicht zu kämpfen. Barnato, Birkin, Glen Kidston – sie alle fuhren auf Achse quer über den Kontinent zum Rennen. Vor Ort stellten die Bentley Boys nur den Reifendruck nach und standen am Ende ganz oben auf der Siegertreppe. Gentleman Racing, das ist die Mille Miglia noch heute, doch die Verkehrsregeln lassen die Uhr gnadenlos herunterlaufen. Inzwischen dürften sich die Klassiker schon bereit machen und auf den Fahnenschwung zum Start warten.

Auf der Abfahrt des Brenners erhöhe ich das Tempo. Das Limit scheint hier sowieso mehr Empfehlung zu sein. Überhaupt, Italien: Es riecht nach heißem Asphalt. Nach Temperaturen, die um diese Uhrzeit kaum auszuhalten sind. Doch der Panamera bleibt cool und rollt nach sechs Stunden und 42 Minuten Fahrt pünktlich in Brescia ein.

Brescia: Die ganze Stadt ist Mille Miglia. Euphorie, Ekstase, völliger Wahnsinn. Die Straßen sind gesäumt von Menschen. Sie alle wollen die Autos während der Fahrt kurz berühren oder wenigstens ihren Luftzug spüren. Das Abgas riechen, das ihre Motoren aus dem teils irren Auspuffgewürm blasen. 50 Liter Super durchziehend, alle 100 Kilometer, weil sie so viel arbeiten müssen. Sie sollen es bekommen. Vor allem daran merkt man den Fortschritt im Turbo S E-Hybrid. Der Bordcomputer des großen Porsche meldet bislang 12 Liter Verbrauch pro 100 Kilometer. Und das, obwohl wir ihn nicht unbedingt geschont haben. Den Weg durch Brescia zur Startrampe legt er übrigens vollelektrisch zurück, ohne überhaupt einen Tropfen Kraftstoff zu verbrauchen.

Der Startschuss fällt, und über 400 sündteure Klassiker gehen auf die 1000-Meilen-Jagd. Ich mittendrin. Doch schon auf Höhe des Gardasees staut es sich. Zehn Kilometer reihen sich millionenschwere Einzelstücke aneinander, die verbeulten Mietwagen der Touristen mal rechts, mal links überholend.

Es wird anstrengend. 1200 Kilometer liegen hinter mir. Noch nicht einmal die Hälfte. Und in den engen Altstädten entlang der Route ist wenig Platz für den über zwei Meter breiten Porsche. Ich trenne mich von den Oldtimern, nehme die deutlich längere Ausweichroute. Hauptsache, in Bewegung. Und wie sich der Panamera bewegt. Er entführt in eine scheinbar widersprüchliche Welt der Schwerelosigkeit. Plötzlich bieten sich Möglichkeiten, allgegenwärtig, die man selbst einem Kombi aus Zuffenhausen nie zugetraut hätte. Am Abend habe ich in Milano Marittima alle wieder eingeholt.

Am nächsten Morgen lerne ich in San Marino Mario kennen. Seit über 40 Jahren betreibt er sein kleines Caffè Titano gegenüber des Museo di Stato. Er habe schon immer hier gestanden zur Mille Miglia, vom ersten Tag an, deshalb kenne er sich aus. So schiebt er liebevoll den Blumenkübel zur Seite, nur Momente, bevor ein mächtiger Bentley Blower um die enge Ecke biegt – die er nicht in einem Schwung bekommen hätte, wenn Mario es nicht vorausgeahnt hätte. Ihm sind, natürlich, dennoch die Ferrari am liebsten. 166 Inter oder 250 MM. Diese wunderbaren Sonderkarosserien, geschneidert nach dem Wunsch des Herrenfahrers und lackiert in der Lieblingsfarbe der Frau: Rot.

Weil schon die alten Römer in Meilen gemessen haben, entschieden die Gründer Graf Franco Mazzotti, Graf Aymo Maggi, Renzo Castagneto und Giovanni Canestrini übrigens, dass das Rennen in Miglia gezählt werden sollte. Warum es gerade 1000 sind? Keine Ahnung. Wir fahren jetzt weiter nach Rom.

Auf dem Weg, tief in der Nacht, irgendwo in den Bergen vor der Ewigen Stadt, weit im Hinterland, wo sich kein anderer Verkehrsteilnehmer auf die locker dahinfließenden Landstraßen verirrt, trifft der Panamera auf einen frisch betankten Maserati 300S. Es beginnt ein Hörspiel, wie es nur die Mille Miglia zusammenbringt. Sanft biegt der flache Rote vor uns ab, legt den zweiten Gang zuvorkommend früh ein, wartet bis die Nockenwelle bei 4000 Touren zu voller Form aufläuft, zieht ihn noch etwas weiter, wirft den dritten ein und tritt durch. Bis aufs Bodenblech.

Das Tempolimit scheint hier so wie so mehr eine Empfehlung zu sein.

Der Bug hebt sich, der Mond spiegelt sich hell in der Motorhaube, und der Maserati blafft ein Ansauggeräusch durch die Nacht, dass mir der Atem stockt. Vollgas. Dieses Hohle im Ton; dieses die Welt verschlingen wollende Tremolo aus den polierten Ansaugrohren, wenn der Tourenzähler über die 6000 wischt. Unbeschreiblich. Unbeschreiblich schön. Der Panamera kontert mit einem harten V8-Wummern aus seinen vier Auspuffrohren. Ganz zart hört man die Turbolader vor Freude fauchen, während der Turbo S mit der Macht seiner 680 Pferde im vollen Lauf hinter dem Maserati dem römischen Horizont entgegenstürmt.

Liebe zu Tempo, zu Volllast und zu großer Anstrengung. Dafür sind Sportwagen gebaut worden. Einzig und allein dafür. Es sind Ausnahmesituationen, die ihren Glanz und ihr Talent herausarbeiten. Die Mille Miglia schafft solch einzigartigen Momente, in denen sich das in einer Klarheit zeigt, wie sie nicht auf das Wesentlichere reduziert sein könnte.

Halbzeit: Es sind diese Erlebnisse, die jede Mühe wert sind. Während ich im Kopf die Momente sortiere, rollt der Panamera um 22.30 Uhr in Rom aus. 14 Stunden großen Glücks und doch erst Halbzeit. Wo für die Klassiker die Ruhe der Nacht beginnt, tankt der Porsche für die kommenden 1276 Kilometer noch einmal voll.

Florenz, Bologna, Verona. Eine ausgeklügelte Strategie im Zusammenspiel aller Radarsensorik, Kameratechnik und Navigationsdaten lässt den Panamera wie von selbst durch Italien ziehen.

Kurz darauf sitzt man, ganz unaufgeregt, mitten auf dem Fernpass im Morgengrauen hinter einem grollenden, grummelnden, beim Hinunterschalten kehlig blaffenden V8-Biturbo, den man, wenn man sich konzentriert, auch nach 20 Stunden Fahrt noch richtig tanzen lassen kann.

Es ist, als würdest man sich mit Hüften und Schultern an die Kraft lehnen. Als würde man Teil der Bewegung sein. Und genau diese Mühelosigkeit ist Ergebnis der Kultur seiner Abstammung: der Perfektionismus von Porsche. Denn plötzlich geht alles. Auch der Termin um 10.30 Uhr in Frankfurt nach solch einer Tour.

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