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Thermik Magazin

AUSSIE AIRBORNE

Der neue Zweileiner von Flow, der XCRacer an der australischen Küste
Felipe Rezende, der Mann hinter dem neuen australischen Gleitschirmhersteller

Ein Blick in die Ergebnislisten unterschiedlicher Bewerbe lässt staunen: Der XCRacer – das Aushängeschild von Flow Paragliders – ist doch tatsächlich nicht nur „mit dabei“, sondern teilweise ganz oben zu finden: Ein erster Platz in der Serienklasse bei den Flow Corryong Open 2018, dritter Platz in der Serienklasse bei den Bright Open sowie ein zweiter und dritter Platz beim ersten Task der Bright Open. Obwohl der Zweileiner mit Streckung unter 7 in die „Zeno-Kerbe“ schlägt, sieht ihn sein Erbauer gleichauf mit den „Großen“ – also Enzo 3 und Boomerang 11. Könnte es tatsächlich sein, dass ein kleiner Designer, der quasi „aus dem Nichts“ auftaucht, es mit den traditionellen Rennställen aufzunehmen vermag?

INTERVIEW mit Felipe Rezende

THERMIK: Hallo Felipe. Gratuliere zu den guten Resultaten mit deinem neuen Hochleister!

Felipe Rezende: Danke! Der PWC in Bright war ein toller Wettkampf. Ich bin sehr zufrieden mit dem XCRacer, auch wenn die Resultate das nicht widerspiegeln. Ich war fast immer im Führungspulk dabei, hatte aber am zweiten Task eine Luftraumverletzung und am dritten Task die Ziellinie um 200 m verfehlt, weil ich um Platz 10 gekämpft hatte. Alles in allem war es aber eine großartige Woche und ich konnte gut mithalten. Ich denke, dass wir mit dem XCRacer einen ganz besonderen Schirm haben und absolut konkurrenzfähig sind.

THERMIK: Also, erzähl ein bisschen von dir. Wer bist du, wie lange fliegst du schon und was war die Idee hinter deinem Label?

Felipe Rezende: Ich bin Brasilianer und habe ursprünglich Architektur studiert. Mit 25 bin ich nach Australien gegangen, wo ich in einem Architekturbüro in Sydney gearbeitet habe. In der Zeit habe ich mit dem Surfen begonnen und durch meine Arbeit bald auch Surfboards designt, gebaut und später unter dem Label Flow auch verkauft. Ich war damals bereits Gleitschirmpilot, aber eher ein Gelegenheitsflieger. Leider musste ich nach acht Jahren aufgrund der toxischen Gase, die bei der Produktion anfallen, mit den Surfboards aufhören.

THERMIK: Wie ging es dann weiter? Bist du direkt in die Gleitschirmentwicklung eingestiegen?

Felipe Rezende: Nein. Mein damaliger Nachbar und Freund baute Kites. Ich arbeitete wieder als Architekt, stieg dann aber bald in die Kiteentwicklung ein. 2010 war ich dann zum Fliegen in Brasilien, wo ich Roberto Gallera kennenlernte, der damals Airwave gekauft hatte. Er suchte einen Entwickler und gemeinsam bauten wir den Intermediate Sport 4. Das war eine ganz interessante und prägende Erfahrung. Ich war damals im Sol-Team und arbeite in Folge auch an ein paar Projekten bei Sol mit. Als Roberto Galera tragischerweise an Lungenkrebs starb, ging ich zurück nach Australien, wo ich eine kleine Kiteentwicklung aufbaute. Der Kitesurfingmarkt in Australien ist riesig. Kiten ist hier um ein Vielfaches größer als Gleitschirmfligen.

THERMIK: Wie kann man sich das Gleitschirmfliegen in Sydney vorstellen?

Felipe Rezende: Die meisten Spots rund um Sydney sind Küstensoaringgebiete. Man kann vormittags und abends fliegen, nachmittags ist jedoch der Wind oft viel zu stark. Da fliegen nur noch die Hängegleiter. Das war auch die Idee hinter meinem ersten Modell – dem Yoti, den ich ursprünglich nur für mich gebaut hatte. Ich wollte einen kleinen schnellen Schirm, mit dem ich in extremen Bedingungen fliegen konnte.

THERMIK: Wann war das?

Felipe Rezende: 2015. Um das Geschäftsmodell zu testen, verkaufte ich zwei Jahre nur den Yoti. Ich war mir bewusst, dass die Gleitschirmentwicklung viel professioneller ist, als es bei den Kites der Fall ist. Beim Gleitschirmfliegen geht es um viel mehr, außerdem ist da noch die Zulassung, die teuer und aufwändig ist. Daher war ich sehr vorsichtig und versuchte, Schritt für Schritt mein Wissen aufzubauen. Während dieser Phase baute ich viele Prototypen aller Art … Tandems, Sportklasseschirme … einfach, um zu verstehen, wie man Schirme baut. Mit der Zeit wurden meine Freunde richtig interessiert und es etablierte sich eine produktive Gruppe, die die Schirme testete und trimmte. Alle haben einen anderen Beruf, die meisten sind aber zeitlich flexibel, so können wir gemeinsam fliegen gehen und testen. Wir flogen viele Stunden mit allen Protos, bis wir erstmals beschlossen, zur Zulassung zu gehen.

Der schöne Hochleister von Flow ist momentan in aller Munde.

THERMIK: Welche Software benützt du?

GliderPlan?

Felipe Rezende: Ja. Der Entwickler David Aberdeen wohnt in Brisbane. Ich hab mich mehrmals mit ihm getroffen. Natürlich hatte ich bereits Erfahrung mit CAD, aber Glider-Plan ist fantastisch. Vor allem, weil man auf eine große Datenbank an Erfahrung zurückgreift, die Software bündelt ein immenses Know-how.

THERMIK: Wo startet man bei einem komplett neuen Modell mit der Entwicklung?

Felipe Rezende: Man braucht schon vielschichtiges Vorwissen über den Entwicklungsprozess und den Produktionsprozess. Meine Vorgeschichte hat da gut zusammengespielt.

THERMIK: Wo produziert ihr?

Felipe Rezende: Die Kites in China, die Gleitschirme in Thailand. Ich hatte die Produktion bereits kennengelernt, als ich noch bei Airwave war. Damals war es eine sehr kleine Produktion, heute bauen auch andere große Hersteller dort. Das hilft enorm, vor allem was die Qualität angeht. Beim XCRacer sind viele Stäbchen verbaut. Wenn man nicht weiß, wie man die mit korrekter Spannung einarbeitet, können große Probleme entstehen – wie zum Beispiel massive Falten oder zu wenig Spannung in der Kappe.

THERMIK: Wie viele Leute sind bei Flow beschäftigt? Bist das nur du mit deinen

Freunden?

Felipe Rezende: Ich habe eine Bürohilfe und ein kleines Testteam von vier Personen. Und natürlich meine Frau!

THERMIK: Du hast mir im Vorfeld des Interviews erzählt, dass du mit Konrad Görg (Kontest GmbH) einen Importeur für Deutschland gefunden hast.

Felipe Rezende: Ja, ich kenne Konrad schon lange von den Wettbewerben. Außerdem ist meine Frau Deutsche.

THERMIK: Erzähl uns von deinen Produkten. In Europa ist jetzt nur der XCRacer in aller

Munde, aber du hast ja eine ganze Gleitschirmpalette.

Felipe Rezende: Der Ace ist ein Schulschirm, der auch schon bei vielen Flugschulen hier in Australien im Einsatz ist. Der Cosmos ist ein Low-Level-B-Schirm. Er hat uns über ein Jahr Entwicklung gekostet, aber am Ende waren wir sehr glücklich mit dem Ergebnis. Der Cosmos ist schulungstauglich und gleichzeitig extrem leistungsstark. Er ist ein Dreileiner mit Shark Nose und wir haben schon Flüge über 200 km mit ihm absolviert. Das Handling ist für einen Low B sehr gut – die Schirme sollen einfach Spaß machen. Das ist auch unser Motto. Die Entwicklung des Tandems war ebenfalls etwas tricky und langwierig. Das ursprüngliche Konzept lehnte sich eher an das klassische Konzept mit schwerem Tuch und Shark Nose an. Doch letztlich war der Prototyp mit leichtem Tuch und ohne Shark Nose besser, vor allem dank besserer Start- und Landeeigenschaften. Beide Größen bleiben unter 7 kg – das macht ihn für viele Tandempiloten interessant. Der XCRacer war natürlich das aufregendste Projekt für uns. Ich fliege seit 10 Jahren Wettkampf mit unterschiedlichen Schirmen und habe schon in der Vergangenheit ein bisschen an meinen Schirmen geknüpft und getrimmt. Nun wollte ich natürlich einen eigenen Wettkampf-Zweileiner. Ursprünglich sollte der XCRacer ein CCC-Schirm werden, aber mit der Zeit wurde er besser und besser, sodass wir schließlich entschieden, noch ein paar Protos einzuschieben, um EN D zu erreichen.

THERMIK: Von der Streckung her (6,95) ist er ohnehin ähnlicher dem Ozone Zeno?!

Felipe Rezende: Ja, natürlich haben wir uns den Zeno auch angesehen. Aber im Wettkampf wollen wir eher gegen EnZo 3 und Boomerang 11 bestehen.

THERMIK: Das sind große Worte!

Felipe Rezende: Ja (lacht). Aber das ist es, was wir haben: Einen Schirm, der gegen Enzo und Boomerang bestehen soll.

THERMIK: Also ist es keine Zeno-Kopie?

Felipe Rezende: Nein. Ich wollte schon etwas Eigenständiges bauen. Der XCRacer hat weniger Krümmung als die anderen Wettkampfschirme, dafür aber mehr Wölbung in der Schirmmitte und weniger am Außenflügel. Der Stabilo hängt an der B3-Stammleine und löst Verhänger sehr effizient. Durch den höheren Anstellwinkel ist der Schirm pitchstabiler und im Vollgas sehr stabil, außerdem steigt er sehr gut.

THERMIK: Wo testet ihr?

Felipe Rezende: An der Küste und im Inland, um Thermik zu fliegen. Bright ist 6,5 Stunden entfernt, wir fahren oft am Wochenende hin.

THERMIK: Erzähl mir doch, wie ihr zu dem

Wellendesign gekommen seid. Ist das eine

Hommage an deine Heimat – dem Meer?

Felipe Rezende: Ja, das ist eine Welle. Sie soll den Luftstrom in der Kappe darstellen.

THERMIK: Wie geht es weiter mit Flow?

1. Mit dem „Panorama“ stieg Flow auch ins Tandemgeschäft ein.
2. Der Yoti, ein kleiner, wendiger Gleitschirm für Starkwind an der Küste, war einer der ersten Konstruktionen von Felipe Rezende.
3. Der EN A Ace soll auch in Europa Flugschulen zur Schulung ansprechen.
4. Der Low Level B Cosmos kann bereits auf Strecken über 200 km verweisen.
Mit einem kleinen Team an Freunden testet Felipe Rezende seine Modelle.

Felipe Rezende: Wir haben einen C-Prototypen, der ein komplett neues Designfeature besitzt. Aber mehr will ich dazu noch nicht sagen, weil ich noch nicht weiß, ob es funktionieren wird (lacht). Außerdem soll ein CCC-Modell kommen, vielleicht sogar noch dieses Jahr. Die Verkäufe sind besser als die optimistischsten Prognosen. Ich habe mittlerweile einige Händler in Europa – Frankreich, Belgien, Spanien, Italien, Österreich und nun auch Deutschland. Ich möchte langsam wachsen – ein Schritt nach dem anderen.

THERMIK: Möchtest du auch Gurtzeuge bauen?

Felipe Rezende: Ja, darüber denke ich schon nach. Ich habe auch schon einen sehr leichten Retter und diverse andere Accessoires, Gurtzeuge sind dann der nächste Schritt.

THERMIK: Ist das Gleitschirmbusiness nun dein Hauptgeschäft?

Felipe Rezende: Ja, ich konzentriere mich mittlerweile voll darauf. Ich habe mich aus dem Kitegeschäft ein Stückweit zurückgezogen, da sind gute Leute in der Firma und so kann ich mich mit Flow beschäftigen.

THERMIK: Danke für das Interview!

IMPORTEURE:

D: Kontest/Konrad Görg

Tel. +49 (0)5321/7569006

www.kontest.eu

A: Herbert Tamegger

tamisflywear@gmail.com

Tel. +43 (0)664/1001380

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