ENTDECKENBIBLIOTHEK
Wissenschaft
GEO Wissen

GEO Wissen

69/2020

"Mit Sachverstand und Gespür für Aktualität veranschaulicht GEO WISSEN in spannenden Text- und Fotoreportagen anspruchsvolle und komplexe gesellschaftlich relevante Wissenschaftsthemen, greift Debatten auf, macht Auseinandersetzung verständlich. GEO WISSEN befasst sich mit wichtigen Fragen aus den Bereichen Medizin und Erziehung, erläutert die Zusammenhänge zwischen Gesundheit und Ernährung, präsentiert neue Erkenntnisse aus der Verhaltensforschung und ergründet Phänomene wie „Zeit“, „Sünde und Moral“ oder „Sprache“. Meinungsumfragen, Buchrezensionen und Tests bieten den Lesern einen hefttypischen Zusatznutzen."

Land:
Germany
Sprache:
German
Verlag:
DPV Deutscher Pressevertrieb
Erscheinungsweise:
Biannually
Mehr lesen

in dieser ausgabe

1 Min.
editorial

Liebe Leserin, lieber Leser, praktisch alle Menschen haben ein Empfinden dafür, was gut und was böse ist. Aggression, Missbrauch, Neid, Hass, Gier sind negativ besetzt. Kooperation, Empathie und Altruismus bewerten wir dagegen als positiv. Zwar wollen die meisten von uns zu den Guten gehören – und doch trägt ein jeder von Natur aus beides in sich, die Fähigkeit zum Guten wie zum Bösen. Obwohl wir das Böse oft fürchten und zu meiden versuchen, betrachten wir es auch voller Faszination. Es hat eine merkwürdige Anziehungskraft. Evolutionsbiologen wissen, warum: Das Gehirn wird durch Bedrohung aktiviert. Denn seit es Menschen gibt, müssen sie mit dem Risiko leben, dass ihnen von ihresgleichen Unheil droht. Angst und Vorsicht waren daher schon immer die Lebensversicherung unserer Vorfahren. Zugleich genießen wir heute mitunter geradezu die Angstlust, den Nervenkitzel:…

9 Min.
die finstere seite des menschen

Missbrauch Trügerische Kleingarten-Idylle Eine Laube in Münster: Dort sollen Beteiligte an einem Pädophilen-Netzwerk mehrfach Jungen im Grundschulalter über Stunden sexuell missbraucht und dabei gefilmt haben. Im Zuge der Ermittlungen wurden große Mengen hochprofessionell verschlüsselten Videomaterials sichergestellt. Beim Auswerten stießen – so der Münsteraner Polizeipräsident – selbst die erfahrensten Kriminalbeamten »an die Grenzen des menschlich Erträglichen und weit darüber hinaus«. Im Jahr 2019 gab es fast 16 000 erfasste Fälle von Kindesmissbrauch in Deutschland, die Dunkelziffer liegt vermutlich deutlich höher. Häusliche Gewalt Partner als Täter Eher selten lauert das Grauen an fremden, unheimlichen Orten. Viel häufiger sind Menschen ihm dort ausgeliefert, wo sie Sicherheit erhoffen: in den eigenen vier Wänden. Häusliche Gewalt betrifft in 80 Prozent der Fälle Frauen: 122 starben in Deutschland 2018 durch tödliche Angriffe ihrer Partner, mehr als einmal pro Stunde wird –…

15 Min.
warum wir alle eine seite haben dunkle

Prof. Dr. Reinhard Haller ist einer der renommiertesten Experten für Kriminalpsychiatrie. Als Gutachter vor Gericht hat er mehr als 400 Mörder und Gewaltverbrecher untersucht. Haller leitet die Suchtklinik »Maria Ebene« im österreichischen Vorarlberg und ist Autor unter anderem der Bücher »Das ganz normale Böse« (Ecowin) und »Die Seele des Verbrechers« (Rowohlt) GEO WISSEN: Herr Professor Haller, als Gerichtspsychiater beschäftigen Sie sich seit Jahrzehnten mit den Schattenseiten der menschlichen Psyche, mit dem Bösen in uns. Was aber ist das Böse? PROF. DR. REINHARD HALLER: Darauf eine Antwort zu geben ist überaus schwierig. Der Begriff des Bösen ist vielschichtig, schillernd und nur äußerst schwer zu beschreiben. Der Ausdruck ist geprägt durch Merkmale wie aggressiv, frevlerisch, infam, amoralisch, krank, gemein, niederträchtig, teuflisch. Eigenschaften wie Gehässigkeit, Rachsucht und Neid, Arglist, Übelwollen und Verschlagenheit gehören ebenso zum…

17 Min.
im kopf der täter

Die 39 Männer und zwei Frauen, die an diesem Tag im Jahr 1995 an den Füßen gefesselt in die Abteilung für Gehirnforschung an der University of California geführt werden, sind allesamt Schwerverbrecher, die getötet haben. Nun sollen sie an einem Experiment teilnehmen, das eine neue Ära in der Erforschung der Ursachen von Gewaltverbrechen begründet. Denn erstmals werden Wissenschaftler tief in die Schädel von Mördern blicken – von Menschen also, die mehr als alle anderen für das Dunkle, Destruktive, Unberechenbare im Homo sapiens stehen. Lässt sich das Böse in den Windungen ihrer Hirne aufspüren? Funktioniert das Denkorgan von Gewaltverbrechern anders als das friedfertiger Menschen? Kann man das Abgründige, Niederträchtige besser verstehen, wenn man seine neuronalen Grundlagen durchschaut? Die Frage der Forscher: Offenbart ein bestimmter Bereich der Großhirnrinde von Gewalttätern Auffälligkeiten? Um diesen Fragen auf den…

18 Min.
»der gefährlichste ort ist das eigene zuhause«

GEO WISSEN: Georg Büchner lässt seinen Woyzeck sagen: „Jeder Mensch ist ein Abgrund; es schwindelt einem, wenn man hinabsieht.“ HEIDI KASTNER: Es kommt vor, dass auch ich dasitze und mir denke: Da tun sich wirklich Abgründe auf. Und das sind keine Monster vor mir, das ist alles der Mensch. Sie könnten eine nette Praxis haben mit Burnout-Patienten und Hausfrauen, die ihr Hausfrauendasein nicht mehr ertragen. Stattdessen beschäftigen Sie sich mit Kindsmörderinnen und Vergewaltigern. Sie beschreiben das Szenario meiner schlimmsten Albträume – die nette Praxis. Ich habe lange in der Allgemeinen Psychiatrie gearbeitet. Ein Beispiel: Eine Dame aus der besseren Gesellschaft kam völlig aufgelöst in die Spitalsambulanz und schluchzte: Sie könne nicht mehr, sei schwer depressiv. Warum? Weil ihr Mann ihr zu Weihnachten den falschen Pelzmantel geschenkt hatte. Das war ein Schlüsselerlebnis für mich.…

17 Min.
papa zieht in den krieg

Im Sommer 2018 besuchen sie die Kirmes in Sögel zum letzten Mal. Wie jedes Jahr reist Familie Behring* vom Odenwald ins Emsland, 500 Kilometer von Süd nach Nord. Die vier beziehen ihr Feriendomizil, das Haus, in dem das Familienoberhaupt aufgewachsen ist. Sie gehen auf den Festplatz, zu den Fahrgeschäften, den Buden mit der Zuckerwatte, den gebrannten Mandeln, der große, schwergewichtige Bernhard Behring, selbstsicher voranschreitend, seine Frau Antje, stilvoll gekleidet, die Kinder Emil und Viktoria, artig folgend. Bernhard, 58, zweifach promovierter Kieferchirurg, führt das Wort. Antje, 46, einfach promovierte Zahnärztin, blickt immer ihren Mann an, bevor sie etwas sagt. Die Kinder gehorchen. Die zehnjährige Viktoria ist genauso teuer gekleidet wie ihre Mutter. Sie ist, so beschreiben sie Nachbarn und Bekannte, ein verträumtes Nesthäkchen mit braunen Locken. Gern hätte sie einen Hund. Sie spielt…