ENTDECKENBIBLIOTHEK
searchclose
shopping_cart_outlined
exit_to_app
Brigitte Woman

IRGENDWAS STIMMT HIER NICHT

LIEBER ANGELN STATT FEIERN Manchmal liegen Pubertät und Wechseljahre näher beieinander, als man denkt

(FOTOS: Getty Images)

Mein Sohn ist 21 und ein Spießer. Das denkt er, nicht ich. Spießer sind Menschen, die sich besser als andere fühlen, weil ihr Auto im exakten 65-Zentimeter-Abstand zu allen vier Garagenwänden parkt, die beim Nachbarn Sturm klingeln, wenn er nach 22 Uhr Reizhusten hat, und die sich allgemein durch Überkorrektheit und geistige Unbeweglichkeit auszeichnen. Würde mein Sohn sich an diesen Menschen messen, wäre ihm klar, dass er kein Spießer ist.

Er misst sich aber an mir. Das ist das Problem. Ich weiß nicht so wirklich, was über mich gekommen ist, aber seit ich 50 geworden bin, feiere ich so viel, wie eben geht. Man könnte jetzt poetisch sagen, ich feiere das Leben, aber ehrlich gesagt: nein. Ich feiere, weil die anstrengenden Jahre von Kinderaufzucht und -pflege vorbei sind, weil ich mich freue, eine Freundin zu sehen, weil ich so gern zu schlechter Musik tanze, weil ich noch viel lieber dazu mitgröhle, weil der französische Sekt so gut schmeckt oder einfach nur, weil gerade Dienstag ist. Es gibt sehr viele Gründe zu feiern, wenn man nicht mehr so viele Bedenken mit sich herumträgt wie früher. Da konnte ich nur tanzen, wenn mir keiner auf den Hintern starrte oder die richtige, sprich: popkulturell akzeptierte Musik lief. Dass man zu Element of Crime, so toll sie auch sein mögen, streng genommen nicht tanzen kann, machte die Sache nicht besser. Ich wippte dann eben. Rhythmisch.

Heute tanze ich zu Britney Spears oder der Goombay Dance Band (kennt die noch jemand?), und wenn’s gerade passt, geht selbstverständlich auch eine Polonaise zu „Tausendmal berührt“. Ob mir dabei jemand auf den Hintern starrt? Völlig egal. Und weil das so ist, bekomme ich jetzt manchmal von einem völlig Fremden einen Blumenstrauß in die Hand gedrückt. Ohne schmierige Komplimente oder lästigen Telefonnummerntausch. Einfach, weil sich jemand freut, dass ich mich freue.

Doch zurück zu meinem Sohn. Wenn ich dann morgens am Frühstückstisch sitze, müde, aber mit entrückten Dauergrinsen im Gesicht, das man nur nach gutem Sex oder einer durch-feierten Nacht hat, kriegt er diesen unfrohen Zug um die Augen. Am Anfang dachte ich, er schäme sich für seine peinliche Mutter, die augenscheinlich die Wechseljahre mit der Pubertät verwechselt – könnte man ja auch verstehen. Doch irgendwann fing er an zu reden. „Ich bin so langweilig“, seufzte er und stierte mit Grabesmiene auf sein Marmeladenbrötchen. „Alle meine Freunde gehen ständig auf Partys, saufen sich die Hucke voll und haben Spaß, nur ich bleibe am liebsten zu Hause.“ – „Kommt noch“, sagte ich ein wenig hilflos. Und fügte auch nicht viel inspirierter hinzu: „Außerdem sind nicht alle Menschen gleich. Es muss doch nicht jeder ständig ausgehen.“ Mein Sohn guckte wie ein angeschossenes Reh. „Aber du verstehst das nicht. Ich finde es einfach richtig doof, in verqualmten Läden rumzustehen, nur weil da irgendwelche Frauen sind, die man anbaggern kann.“ – „Könnte das daran liegen, dass du seit sechs Jahren eine feste Freundin hast?“ – „Könnte“, antwortete mein Sohn. „Aber“, und da fiel das böse Wort, „vielleicht bin ich ja auch einfach nur ein Spießer.“ – „Bist du nicht“, sagte ich nach ein paar zu langen Sekunden Bedenkzeit. Und hörte selbst, wie lahm das klang. Er seufzte erneut. Beide guckten wir schweigend in unsere Kaffeetassen.

Ich bewundere meinen Sohn für seinen Stilwillen. Für seine Beständigkeit in Liebesangelegenheiten, die mir leider komplett abgeht

Nach diesem Morgen bemühte ich mich, nur noch auszugehen, wenn ich sturmfrei hatte. Wenn mein Sohn etwa bei seiner Freundin übernachtete. Das klappte nicht immer. Einmal traf ich ihn morgens um drei in der Küche. Er hatte nächtlichen Durst, ich kam von einem lustigen Abend in einer einschlägig bekannten Hamburger Karaoke-Bar. „Schlaf gut“, sagte er und schlich mit hängenden Schultern und einem Wasserglas zurück in sein Zimmer. Mein Mutterherz blutete. Beschämt ging ich ins Bett, wo ich noch lange wach lag.

Natürlich kennt mein Sohn die Fotos von mir aus den Achtzigerjahren. Wo ich in fröhlichem Ganzkörperschwarz durch die Gegend lief, Kruzifixe am Ohr, und mir die Haare mit Seife hochkleisterte, bis sie aussahen wie ein explodierter Igel. Das schlimme neonfarbene Wurstpellenkleid mit den löchrigen Netzstrümpfen. Oder die Domestos-Jeans, die heute irritierenderweise wieder in den Läden hängen. Meine gesammelten Fehlkäufe aus dieser Dekade hätten problemlos eine durchschnittliche deutsche Kleinstadt schlecht eingekleidet. Nicht nur deshalb habe ich mich zeit meines Lebens für meine hässlichen Jugendfotos geschämt. Aber damals hatte man nun mal kein Telefon, das gleichzeitig fotografieren konnte und im Nu aus einem zaghaften Lächeln mit Überbiss ein rattenscharfes Duck-Face zauberte. Mein Sohn ist mal mit rosafarbenem Ballonseide-Trainingsanzug und Goldkette herumgelaufen. Das war anlässlich seiner „Endlich Abi“-Feier, er mimte einen Zuhälter. Normalerweise trägt er karierte Hemden, Turnschuhe und Jeans, am liebsten in Dunkelblau, und das, seit er 15 ist. Letztens haben wir Sneaker zusammen gekauft. In Lindgrün, sie standen ihm wunderbar. Am nächsten Tag tauschte er sie um. Zu gewagt. Ich bewundere meinen Sohn für seinen Stilwillen. Für seine Beständigkeit in Liebesangelegenheiten, die mir leider komplett abgeht. Dafür, dass er am Wochenende gern angeln geht und weiß, wie man einen Zander ausnimmt und mit ein paar Kräutern in der Pfanne zubereitet. Und ich bewundere ihn nicht zuletzt dafür, dass er lieber zu Hause bleibt, während andere seines Alters im Taumel der Hormone zwanghaft über die Partymeilen dieser Welt ziehen. Dafür, dass er jetzt schon unverrückbar er selbst ist – ein Findungsprozess im Zeitraffer, für den ich mehr als 30 Jahre gebraucht habe. Nur dafür, dass er sich für all diese Großartigkeiten als Spießer fühlt, dafür bewundere ich ihn nicht.

Wir waren jetzt ein paarmal zusammen auf Konzerten, mein Sohn und ich. Und letztens haben wir in der Küche Achtzigerjahre-Hits gesungen, schlimme Sachen von Alphaville bis Modern Talking. „Sagst du mir Bescheid, wenn dieser Bad-Taste-Club das nächste Mal stattfindet, den du mir mal zeigen wolltest?“, habe ich ihn gefragt und einen Moment lang erneut die alte Angst verspürt. Dass er peinlich berührt die Augen verdrehen könnte – seine alte Mutter mal wieder, dieses unverbesserliche Partyluder. „Klar“, sagte er nur. Dann zog ein Grinsen seine Mundwinkel in die Breite. „Das Schlimme ist nur: Wenn ich um zwei nach Hause gehe, wirst du noch bis zum Morgengrauen weitertanzen.“ Sagte ich es bereits? Mein Sohn ist ein ziemlich cooler Typ.

help