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National Geographic (D)

STADT DER WUNDER

Gewachsen aus uralter Geschichte: Von der Fähre über den Bosporus erstreckt sich Istanbuls Altstadt mit der Süleymaniye-Moschee.

EINWOHNER 15 Millionen (Metropolregion)

SPRACHE Türkisch

GUT ZU WISSEN Einen ganzen Tag kann man im Großen Basar (Kapal› Çarş›) im Stadtteil Fatih verbringen, der zahlreiche Straßen, Gassen und Hallen umfasst.

Vor ein paar Monaten las ich eine Studie, in der verglichen wurde, welche Orte einer Stadt die Touristen und welche Orte die Einheimischen fotografieren. Sie kam zu dem Ergebnis, dass die Motive in der Regel sehr unterschiedlich sind. Nicht aber in Istanbul. Hier bringen alle, ob Besucher oder Bewohner, sehr ähnliche Bilder mit nach Hause. Was mir zeigt, dass die Istanbuler ein besonders inniges Verhältnis zu ihrer Stadt haben.

Viele Fotos entstehen auf den Fähren, die ständig über den Bosporus von Europa nach Asien pendeln. Auch ich liebe es, dort zu fahren. Kürzlich stand ich am Heck des Schiffs, und während wir uns rasch vom Anleger entfernten, entfaltete sich vor mir eine unvergleichliche Kulisse. Die Sonne verschwand hinter der Süleymaniye-Moschee, der Himmel glühte orangefarben. Ich sah Minarette, den Gewürzbasar, die lange Schlange der Autos auf den Brücken, die vielen Menschen am Ufer. Über uns segelten die Möwen in der Hoffnung, ein Stück Brot zu ergattern. Aber alles, was ich hörte, war das Plätschern der Wellen.

Gewiss, auch Istanbul hat seine Probleme: einen schlimmen Autoverkehr, mangelnde Stadtplanung, soziale Ungleichheit. Und doch zaubert diese Stadt immer wieder Wunder aus dem Hut. Sie wächst aus dem Fundament uralter Kulturen, außerdem: Welche andere Metropole erstreckt sich schon über zwei Kontinente? In welcher anderen gibt es Jesusbilder in einer (ehemaligen) Moschee? Wo begleiten einen Delfine auf dem Weg zur Arbeit? Und wo sonst schneit es auf Palmen?

Auf dem Bosporus jagen Möwen nach dem Brot der Fahrgäste. Unten: ein Jesusbild in der Hagia Sophia, einst Kirche, dann Moschee, heute Museum.

Schon immer haben Dichter Verse und Musiker Lieder über Istanbul geschrieben. Die Metropole spielt die Hauptrolle in zahlreichen Filmen – mal als Stadt der Melancholie, dann als ein Ort von Gewalt. Auf den ersten Blick scheint sich das zu widersprechen, doch im Grunde zeigt es mir nur, dass Istanbul eine Ansammlung ganz vieler Teile mit einer gemeinsamen Identität ist.

Die einzigartige Schönheit dieser Stadt erwächst daraus, dass sie sich immer wieder häutet und ihre Eigenheiten dennoch bewahrt. Wer auch immer im Laufe der Geschichte über Istanbul geherrscht hat, konnte die Stadt nur zu einem gewissen Grad verändern. Letztlich macht sie, was ihr gefällt.

Während meine Fähre an Frachtschiffen vorbeiglitt und ich die Minarette auf der historischen Halbinsel betrachtete, wo einst das klassische Byzanz lag, spürte ich all diese alten und so verschiedenen Elemente, aus denen sich Istanbul bildet. Ich sah sie nicht, ich hörte sie nicht, aber sie waren da. Und ich fragte mich: Wenn alle vier Minarette der Hagia Sophia identisch wären, wie es bei anderen Moscheen üblich ist: Würde ich diese Stadt genauso lieben? Onur Uygun

FOTOS: MB IMAGES/ALAMY STOCK PHOTO (O.);KAV DADFAR/SCHAPOWALOW (U.)

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