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RUNNER’S WORLD Deutschland

EINE FRAU STARTET DURCH

Eins wird mir sofort klar, als ich Lisa Hahner gegenübersitze: Ich habe sie vermisst. Das ist natürlich nicht persönlich gemeint, sondern fachlich, aber es ist ein erstaunlich dominierendes Gefühl. Interessant. Die „Hahner-Twins“, Lisa und ihre Zwillingsschwester Anna, waren eben eine echte Bereicherung für die deutsche Laufszene. Sie strahlten, sie quatschten, wie ihnen der Schnabel gewachsen war, sie waren immer fröhlich und gut gelaunt – und sie lieferten ab: Leistung wie auf Kommando.

Die Trainingsbedingungen in Berlin sind perfekt. Von ihrer Wohnung in Steglitz kann Lisa Hahner zum Teltowkanal oder auch in den Grunewald laufen

Der Aufstieg der beiden war steil, aber alles andere als geräuschlos. Und wie das so ist, wenn jemand nicht still ist, sondern eher laut und obendrein erfolgreich, gibt es stets viele, die das bewundern, aber auch ein paar, die darauf neidisch sind. Und als die Leistungen der Hahner-Twins auf einmal nicht mehr ganz so konstant erstklassig waren wie gewohnt, traten immer mehr Zweifler auf den Plan.

All das ist im Grunde völlig normal. In jeder Sportlerkarriere geht es auf und ab, Fans und Kritiker kommen und gehen, nur war bei den Hahners eben alles immer „hoch zwei“: Sie hatten mehr Fans als alle anderen und sie hatten lautere Kritiker. Zu einem gewissen Teil waren sie daran auch selbst schuld. Die Twins-Nummer lief einfach zu gut, und manch einer im Hintergrund erkannte schon bald das große Vermarktungspotenzial eines solchen Gespanns – und nutzte es weidlich. Das klingt jetzt kritischer, als es gemeint ist, denn wer hätte es in der Situation der beiden schon anders gemacht?

Doch dann war auf einmal Ruhe. Diverse gesundheitliche Probleme bei beiden sorgten für eine Zäsur. Vermutlich war es ganz gut so. Die zwei werden das etwas anders sehen, aber es war wohl nötig. Die Folge ist, dass die Schwestern von nun an eigene Wege gehen – zumindest ein bisschen. Und deshalb sitzt mir jetzt Lisa allein gegenüber und nicht auch Anna. Nichts steht zwischen ihnen, die Schwesternliebe ist sicherlich ungetrübt. Doch der Weg zurück zum Erfolg erforderte einen Aufbruch. Mehr als das: einen echten Neuanfang. Und den wagen beide gemeinsam, aber doch jede für sich: Sie sind jetzt räumlich getrennt – Lisa wohnt in Berlin, Anna in München, jede mit neuem Trainer und eigenem Trainingskonzept. Es sind spannende Zeiten für die beiden.

Lisa ist in der Nähe von Fulda geboren und aufgewachsen, hat zuletzt in Gegenbach, einer Kleinstadt im Schwarzwald, gewohnt und ist von dort in die Hauptstadt gezogen. Ein weiter Weg, ein markanter Ortswechsel. Sie mag Berlin, sagt sie, aber sie wirkt wie eine, die sich überall zurechtfinden würde. Doch sie ist nicht in die Hauptstadt gezogen, weil sie die Stadt mag, sondern weil sie dort neu durchstarten will. In einem neuen Verein mit – und das ist das Wichtigste – einem neuen Trainer.

All das hat sich nicht einfach ergeben, die 29-Jährige war auf der Suche. Sie hatte bestimmt viele Optionen, die Berliner Initiative war wohl die überzeugendste. Mark Milde, der sportliche Leiter unter anderem des Berlin-Marathons, hat sie eingefädelt. Das war sicher nicht ganz uneigennützig: Bei der SCC Event GmbH, dem Veranstalter des Berlin-Marathons, hatte man vor, ein „Pro-Team“ auf die Beine zu stellen, ein Team von Topläuferinnen und -läufern, die irgendwann beim eigenen Event, dem Berlin-Marathon, ganz vorn mitlaufen sollen. Dazu hat man sich einen prominenten Trainer geholt: Dieter Hogen, einen Mann mit bestem Ruf und, was wohl am meisten zählt, mit viel Erfolg.

Bekannt wurde Hogen in den 1990er-Jahren als Coach der legendären Uta Pippig. Sie startete auch für den SCC und gewann dreimal den Berlin-Marathon (1990, 1992, 1995) sowie die Marathon-Klassiker in Boston (1994, 1995, 1996) und New York (1993). Pippig gewann nicht nur Rennen, sondern lief auch wahnsinnig schnell. Ihre Zeit von 2:21:45 Stunden ist heute noch die zweitschnellste, die je eine Deutsche im Marathon gelaufen ist. Nur die Rekordlerin Irina Mikitenko war schneller (2:19:19).

Lisa nennt Pippig, vielleicht ein bisschen scherzhaft, „meine große Schwester“. Denn Pippig hat sich mit Hogen auch in die Betreuung des Pro-Teams eingebracht. Lisa ist begeistert von dieser Betreuung.

Nach vorn anstatt zurückzuschauen ist der Vorsatz. Einer Optimistin wie Lisa fällt das nicht schwer

„DIE OLYMPISCHEN SPEILE 2020 SIND MEIN ZIEL. ABER 2024 UND 2028 KANN ICH DEFINITIV AUCH NOCH DABEI SEIN“

Wenn man Lisa Hahner fragt, was sie an ihrem neuen Trainer am meisten überzeugt oder beeindruckt hat, dann erzählt sie, dass sie nicht nur vom ersten Moment an das Gefühl hatte, ihm und seiner Expertise 100-prozentig vertrauen zu können, sondern auch den Eindruck, dass er ihr vertraut – und an sie glaubt. Wenn man das hört, meint man zu spüren, dass es für beide um etwas Großes geht. Es geht nicht darum, wieder dahin zurückzukommen, wo Lisa einmal war, sondern viel weiter, sprich: zu ganz neuen Höhen und schnelleren Zeiten als je zuvor. Folglich wären nicht 2:28:39 Stunden das Ziel (Lisas Bestzeit aus dem Jahr 2015), sondern so etwas wie 2:24. Das sagt sie zwar nicht, aber man hört es zwischen den Zeilen heraus.

Coach Dieter Hogen hat viel Erfahrung und findet offensichtlich die richtige Ansprache

Einfach wird dies sicher nicht, das wissen alle Beteiligten. Aber sie geben sich Zeit. Die Olympischen Spiele 2020 sind nur das nächste Ziel, Lisa spricht bereits ganz unbefangen über Paris und Los Angeles, die Orte der Olympischen Spiele 2024 und 2028. Man bedenke: 2028 wäre sie 38 Jahre alt. Die deutsche Rekordlerin Irina Mikitenko lief mit 40 Jahren noch 2:24:54 Stunden. Nichts ist unmöglich.

Nach dem Training ist vor dem Training: Auf die Regeneration legt Lisa jetzt sehr viel mehr wert

„DIETER IST BEI JEDER EINHEIT DABEI. WERTE INTERESSIEREN IHN WENIG, ER WILL MICH VOR ALLEM BEIM LAUFEN SEHEN“

Hogen hat Lisas Training umgestellt. Besser gesagt, er hat alles auf den Kopf gestellt, so wie man das als gewissenhafter Trainer tut, wenn es einem nicht um den schnellen Erfolg geht, sondern um die langfristige Perspektive. Jedes Detail wird jetzt hinterfragt. Der Laufstil ist Hogen wichtig, Körpermitte und Atmung, und natürlich dreht er auch mit viel Fingerspitzengefühl an dem, was Lauferfolg vor allem ausmacht: den Umfängen und Intensitäten. Und Hogen ist bei jeder wichtigeren Einheit dabei: Er steht selbstverständlich am Rand der Bahn, wenn Tempoläufe anstehen, begleitet Lisa aber auch bei den Ausdauerläufen auf dem Fahrrad. Ja selbst beim Fahrtspiel im Grunewald radelt er mittels elektronischer Unterstützung nebenher. Er will seine Topathletin eingehend kennenlernen und analysiert sie bis in die Haarspitzen.

Derzeit steht die Ökonomisierung des Laufstils im Fokus

Die Gruppendynamik macht viel aus, und die Stimmung im „Pro-Team“ des SCC ist offensichtlich richtig gut: Trainer Dieter Hogen, Fabian Clarkson, Valentin Pfeil, Philipp Baar und Lisa Hahner nach dem Bahntraining (von links)

In Berlin angekommen: In ihrem Stadtteil – Steglitz – fühlt sich Lisa richtig wohl

Aber Hogen will Lisa nicht nur begleiten und immer für sie da sein, er hat auch ihr Management übernommen. Das ist ungewöhnlich, aber vermutlich sinnvoll. Bemerkbar macht es sich unter anderem dadurch, dass Lisa jetzt weniger Termine und Verpflichtungen hat. Hogen sind die Regenerationsphasen extrem wichtig, also was die Athleten zwischen ihren Trainingseinheiten tun. Früher stand Lisa von morgens um sechs bis abends um zehn unter Strom, heute muss sie Mittagsruhen einhalten und ihre öffentlichen Auftritte sind stark limitiert. Die Autorität des 66-Jährigen tut der 29-Jährigen aber offensichtlich gut, ja, sie scheint es geradezu zu genießen, dass jemand das Heft des Handelns in die Hand genommen hat und sie sich auf das Wesentliche konzentrieren kann: das Laufen. Damit ist zumindest im Moment alles im Lot. Noch nie hat sie unter solch professionellen Bedingungen trainiert wie in Berlin. Dafür sorgt natürlich auch der Verein. Beim SCC hat man, wie gesagt, Größeres vor: Um Lisa und das Pro-Team, zu dem derzeit noch Marathonläufer Philipp Baar, Hindernisläufer Fabian Clarkson und, ja, auch Anna Hahner gehören, soll eine noch größere Trainingsgruppe von Lauftalenten mit internationaler Perspektive entstehen. Auch dieses Projekt ist langfristig angelegt, wie es der Ausdauersport Laufen nun mal erfordert. Die „Hahner-Twins“ als Duo sind übrigens noch nicht Geschichte. Schwestern bleiben Schwestern, das gilt für Zwillinge umso mehr. Auch die Marke „Hahner-Twins“ und der HT Running Club bleiben bestehen (www.hahnertwins.com). Alles, was da angeschoben wurde und auf fruchtbaren Boden fiel, wird natürlich fortgesetzt. Denn wenn Lisa und Anna neben dem Laufen etwas richtig gut können, dann ist es, anderen Läuferinnen und Läufern ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Das klingt vielleicht banal, ist im Ausdauersport, wo die Motivation eine große Rolle spielt, aber ein echtes Pfund. Das zeigt sich schon daran, dass die angebotenen Seminare stets ausgebucht sind. Nur der Fokus ist jetzt ein anderer: Der liegt fürs Erste ganz auf dem, worauf alles andere beruht: dem sportlichen Erfolg. Ohne den funktioniert auf Dauer nämlich auch das Drumherum nicht, und das wissen die Schwestern. Dafür wird jetzt erst einmal wieder hart gearbeitet, man darf ruhig sagen kompromisslos. Und so muss es auch sein, wenn man wieder ganz nach oben kommen will – und darüber hinaus.

Am Ende des Gesprächs habe ich den Eindruck, dass sich da jemand auf einem guten Weg befindet – erst einmal zu sich selbst. Aber das ist ja bekanntlich das Wichtigste, auch für den sportlichen Erfolg. Und dass diese Frau in dieser Lebensphase in genau den richtigen Händen ist. Ich muss gestehen, dass diese schöne Geschichte mich ins Träumen bringt: Wie schön wäre es, wenn Lisa eines Tages nicht 2:27, nicht 2:25, sondern 2:21:44 Stunden laufen würde? Weit hergeholt, zugegeben, aber ich würde gern Hogens Reaktion auf dieses Zahlenspiel sehen. Vermutlich würde er nur cool mit den Achseln zucken.

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