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stern Crime

„DAS GANZE HATTE ETWAS SURREALES“

Hinter der Tür mit dem Fotoposter hatte der Wirt Alfredo S. den Schutzgelderpresser einbetoniert. Seine Gäste speisten arglos unweit der Leiche

Rüdiger Gärtner,59, arbeitet seit 29 Jahren als Polizeireporter und Fotograf bei der „Mopo“, der „Hamburger Morgenpost“. Zuvor war er Feuerwehrmann bei der Berufsfeuerwehr. 2018 wurde er mit Kollegen für die Onlineberichterstattung zum G20-Gipfel in Hamburg mit dem DuMont-Journalistenpreis ausgezeichnet

Von Alfredo S. hatte ich bis zu dem Tag, an dem eine einbetonierte Leiche in seinem Lokal gefunden wurde, noch nie gehört. Obwohl ich täglich in der Stadt unterwegs bin. Aber „Cincin“, der Name des Toten, sagte mir etwas. Ich hatte das Suchplakat seiner Verwandten schon drei oder vier Wochen zuvor in St. Georg, dem Viertel hinter dem Hamburger Hauptbahnhof, an einem Baum hängen sehen. „Vermisst!!!!!“ stand über einem Foto von ihm. Ein kleiner, dicker Mann mit Glatze in einer Trainingsjacke. Ich habe die Geschichte damals angefangen zu recherchieren, aber nicht weiterverfolgt. Für mich gehörte er zum Milieu. Ein Kleinkrimineller.

Am 18. November 2015 bekam ich dann den Tipp, dass es zeitnah einen Polizeieinsatz im „Casa Alfredo“ in St. Georg geben würde. Ich bin sofort hingefahren. Leichenspürhunde hatten in der Abstellkammer angeschlagen, der Betonboden wurde mit schwerem Gerät aufgestemmt. In etwa 30 Zentimeter Tiefe, mit dem Gesicht nach unten, entdeckten die Ermittler Ercan D., genannt „Cincin“. Damals durfte ich nicht im Restaurant fotografieren, es war alles abgesperrt.

Das war am 26. Mai 2016 anders, als dieses Foto entstand. Der Prozess lief schon, das Gericht hatte für diesen Verhandlungstag einen Ortstermin im „Casa Alfredo“ angesetzt. Die Richter, die Anwälte, der Staatsanwalt und der wegen Totschlags angeklagte Alfredo S. waren an diesem Morgen da. Der 52-jährige Wirt und Koch sollte vor Ort noch einmal schildern, was sich am späten Abend des

30. September 2015 abgespielt hatte, wie er mit „Cincin“, seinem mutmaßlichen Schutzgelderpresser, in Streit geraten war. Wie der Tisch umfiel, wie die beiden Männer zu Boden gingen und rangelten, wie er die Waffe zu greifen bekam und „Cincin“ aus nächster Nähe erschoss. Der Anwalt von Alfredo S. mimte bei diesem Termin die Leiche.

Wir durften vorab den leeren Gastraum fotografieren. Es roch muffig, ansonsten war der Raum noch so, wie ihn die Polizei am Tag, als sie die Leiche entdeckt hatte, vorgefunden hatte, mit den Weinflaschen und den karierten Tischdecken. Ich stellte mich auf einen Stuhl, sodass ich über den halbhohen Raumteiler hinweg den winzigen Gastraum fotografieren konnte. In der Draufsicht sozusagen. Ich wollte ein anderes Bild haben als die Kollegen. Ich erinnere mich noch genau an mein Gefühl damals. Das Ganze hatte etwas Surreales. Normalerweise fotografiert man solche Räume, wenn man sie kunstvoll darstellen oder für etwas werben will. Und nicht, weil dort jemand in Mafiamanier einbetoniert worden ist.

Alfredo S. durfte bei diesem Termin nicht abgelichtet werden. Nach seiner Schilderung hatte „Cincin“ die Pistole mitgebracht und auf den Tisch gelegt, um seiner erneuten Forderung Nachdruck zu verleihen. Etwa 25 000 Euro soll er dem 49-Jährigen bis dahin schon gezahlt haben, er war quasi pleite. Die Situation eskalierte offenbar, als „Cincin“ vorschlug, Alfredos schöne Töchter könnten doch für ihn arbeiten. Am Ende wurde Alfredo S. freigesprochen, Notwehr, befand das Gericht. Ich denke, er ist trotz Freiheit ein gebrochener Mann.

Fotos: Rüdiger Gärtner; Patrick Sun

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