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GEFIEDERTE BLITZE

Rashid Al Maktum, junger Falkner und Spross der Herrscherdynastie, freut sich, dass sein Falke Triele erwischt hat. Beim Training in der Wüste durfte die Beute überleben

Ein Gerfalke tötet mit einem Biss in den Nacken die erjagte Stockente. Der weiße Jäger wurde durch künstliche Befruchtung gezeugt und hat auch Wanderfalkengene

Gerfalken gelten als stark und schwierig, Wanderfalken als schnell und fügsam – Hybriden sind das Ziel der Züchter

Edle Passagiere in einem Privatflugzeug, das sie zur Jagd nach Usbekistan bringt. Die Pfleger haben den Falken Hauben aufgesetzt – zur Vermeidung von Stress

Wenn Geld keine Rolle spielt – warum sollen die Vögel nicht luxuriös reisen?

Mit einem Endoskop untersucht ein Veterinär den Hals des Vogels. Das Falkenhospital ist eine Privateinrichtung des Kronprinzen für befreundete Falkner

Privatpatienten: Maximalversorgung der kostbaren Tiere ist eine Selbstverständlichkeit

Abu Dhabi: Hier werden Kragentrappen gezüchtet, von arabischen Falknern als Lieblingsbeute eingesetzt

Schottland: Züchter Howard Waller setzt Jungvögel aus. Sie sollen das Fliegen lernen und das Erkennen von Beute

Zentral-Mongolei: Ein Falkner überprüft den Gesundheitszustand wilder Sakerfalken an einem von etwa 5000 künstlich angelegten Nestern

Dubai: Scheich Butti erklärt die Falkenhaltung in einem seiner riesigen Vogelgehege

Der weltweite Aufwand ist gigantisch, die Logistik ausgeklügelt, die Leidenschaft groß. Der Stolz auch

In der Morgendämmerung trainiert Scheich Butti Al Maktum. Aus großer Höhe schießt sein Gerfalke heran und packt sich den an einem kreisenden Seil befestigten Wachtelflügel

Im senkrechten Sturzflug erreichen Falken Spitzengeschwindigkeiten von rund 380 Stundenkilometern

Bisweilen verdient Howard Waller seinen Lebensunterhalt „auf ziemlich unübliche Weise“, wie er das einmal in einem Interview formulierte. In seiner Zuchtstation am Rande der schottischen Highlands setzt er dann einen Spezialhut auf seine Glatze. Sechseckige, rotbraune Waben bilden die Oberfläche. Der Mann mit dem grauen Bart betritt einen Raum, in dem ein junges Falkenmännchen wartet. Sofort fliegt das Tier auf Wallers Kopf und macht sich scharrend ans Werk.

Viermal am Tag füttert Howard Waller Falkenküken mit Wachtelfleisch. Um ihr Vertrauen zu gewinnen, imitiert er dabei die Stimmen ihrer Eltern. Er will mit der Zucht die Wildpopulationen vor der Gier der Wilderer schützen

(FOTOS: BRENT STIRTON/VERBATIM FOR NATIONAL GEOGRAPHIC MAGAZINE)

Der Südafrikaner Brent Stirton, 50, ist ein vielfach preisgekrönter Fotograf. Intensiv dokumentiert er das Zusammenleben von Mensch und Tier

„Nicht eben angenehm, aber es geht schnell“, sagte Waller. „Manchmal dauert es ein paar Sekunden,nie länger als zwei Minuten. Sie sehen mich als Partner und wollen mit mir kopulieren.“ Das Tier ejakuliert, und Waller kann den Samen zur künstlichen Befruchtung nutzen. Mehr als tausend Falken hat er auf diese Weise abgesamt. „Dahinter steckt eine Beziehung, viel Vertrauen, das Ergebnis harter Arbeit.“ Falkner singen,um die Tiere an ihre Stimme zu gewöhnen.

Waller gilt als Koryphäe in der weltweiten Falknerszene. Er wuchs auf in Rhodesien, ging später nach Südafrika, wurde Hobbyzüchter und kam 1998 nach Dubai. Heute züchtet er exklusiv für das Herrscherhaus in dem Emirat, als persönlicher Falkner und Kükenmacher von Scheich Butti Bin Dschuma Al Maktum. Der besitzt die vielleicht erlesenste Sammlung von Großfalken überhaupt.Die beiden Männer sind Pioniere der hochwertigen Gefangenenzucht von Jagdfalken.

Bis dato hielten viele Scheichs auf der Arabischen Halbinsel vor allem aus der freien Natur entnommene Sakerfalken, Wanderfalken, Gerfalken. Nicht wenige deckten ihren Bedarf mithilfe der organisierten Wildtiermafia. Wilderei von Zugfalken in Pakistan und Syrien, Wildfänge und der Raub von Eiern und Nestlingen in Brutgebieten wie der Mongolei und Nordrussland trugen zur Reduzierung der Bestände bei.

Scheich Butti, wie sein Vater und seine Söhne Falkner aus Leidenschaft,wollte die Wildpopulationen schützen. Waller überzeugte ihn, die Aufzucht von Elite-Falken und ihre Ausbildung für Jagdrennen zu ermöglichen. Veterinäre hielten das für aussichtslos, Versuche anderer Falkner waren gescheitert. Der Scheich gab Waller eine Chance.

In der arabischen Welt gehört die Falknerei zum Lifestyle. Sitzstangen sind Standard in Büros und Hotellobbys in Dubai und Abu Dhabi, edle Falken hocken dabei auf eingelassenen Kunstrasenauflagen. Sakerfalken mit handgenähten Lederhauben fliegen in Passagierkabinen von Airlines. Mit eigenen Pässen.

In Shoppingmalls gibt es Drohnen zu kaufen im Design von Kragentrappen, den Lieblingsbeutetieren der Falken. Erkrankte Vögel werden in Hospitälern versorgt. TV-Sender übertragen Falkenrennen; die Quoten sind hoch. Saisonhöhepunkt ist der „Präsidenten-Cup“mit Preisgeldern von sieben Millionen Dollar.

Die Jagd mit Falken ist weltweit eine jahrtausendealte Tradition. Beduinen ernährten so ihre Familien. Dschingis Khan, Kaiser Friedrich II., russische Zaren, europäische Adelshäuser – sie alle pflegten die Beizjagd. Die Unesco erklärte die Jagdmethode für etliche Staaten, darunter 2016 auch Deutschland, zum Immateriellen Kulturerbe.

Kritiker beklagen das. Falken würden als Statussymbole missbraucht, zur Waffe degradiert, in Anbindehaltung an Pflöcken ein Leben lang gefesselt; auch in Großvolieren sei artgerechte Haltung unmöglich.

Der legale Falkenhandel ist Big Business. Arabische Falkner benötigen pro Jahr allein bis zu 8400 Sakerfalken – vor allem jugendliche Weibchen dieser gefährdeten Art. Auch der Schmuggel floriert. Dubais Flughafen gilt dabei als Drehkreuz. Letztes Jahr entdeckten die Behörden zwischen Eispackungen in Koffern aus Kiew Falken, betäubt mit Schlaftabletten.

Seit Jahren dokumentiert der südafrikanische Fotojournalist Brent Stirton Umweltverbrechen von Wilderern. Er arbeitete für Hilfsorganisationen, Stiftungen wie den WWF, Human Rights Watch, wurde mehrfach als „Wildlife-Fotograf des Jahres“ dekoriert. Ihm gewährte Scheich Butti Einblick in seine Falkenprogramme, er kennt Howard Waller gut; nur so konnten die faszinierenden Bilder entstehen. „Ich wollte zeigen, dass die arabische Welt sehr viel anzubieten hat für die Arterhaltung“, sagte Stirton dem stern, „die Emirate waren vorsichtig, aber offener als andere.“ Wochenlang fotografierte er in Dubai, Schottland, der Mongolei. „Dass diese Zuchtprogramme den illegalen Wildfang eindämmen, steht außer Frage.“

Im Herbst wird Falkner Howard Waller wieder mit Scheich Butti in die Wüste fahren. Jeden Morgen vor Sonnenaufgang; um vier geht es los. Die beiden Vertrauten entfernen sich vom Gefolge und fachsimpeln dann. Über die Vorzüge neuer Wachteldiäten, über Charakterzüge von Jährlingen, gezielten Muskelaufbau, den neuesten Szene-Tratsch aus Saudi-Arabien. Sie sind stolz auf ihre mittlerweile gereiften Abstammungslinien. Dann beginnt das Training mit den Hochleistungsfalken.

Howard Waller nennt sie bewundernd „gefiederte Blitze“.