stern Crime 35/2021

"Unter dem Motto ""Wahre Verbrechen. Wahre Geschichten."" berichtet STERN CRIME von realen Kriminalfällen und deren Aufklärung, beleuchtet aber auch das Schicksal der Opfer und die Motive des Täters. Das Heft liefert alle zwei Monate einfühlsame Texte und zurückhaltende, aber zugleich eindringliche Bebilderung der Geschichten. Die seriöse Berichterstattung umfasst Interviews mit Ermittlern, beleuchtet Tathintergründe und verschafft fesselnde Einblicke in die polizeiliche Aufklärungsarbeit. Mit seinen Reportagen über wahre Verbrechen spricht STERN CRIME Leser an, die den Nervenkitzel lieben und sich für den psychologisch-sozialen Kontext realer Kriminalfälle interessieren."

Land:
Germany
Sprache:
German
Verlag:
DPV Deutscher Pressevertrieb
Erscheinungsweise:
Bimonthly
4,99 €(Inkl. MwSt.)
23,99 €(Inkl. MwSt.)
6 Ausgaben

in dieser ausgabe

14 Min
„nicht selten wird die tat zur therapeutischen maßnahme erklärt“

Der Gynäkologe, der heimlich Patientinnen filmt, der Anästhesist, der Frauen in Narkose sexuell missbraucht, der Urologe, der während der Behandlung übergriffig wird – warum erschüttern uns solche Fälle so stark, Frau Roßmanith? Weil wir in der Regel zu Ärzten ein besonderes Vertrauensverhältnis haben. Wir ziehen überhaupt nicht in Erwägung, dass unter ihnen einer sein könnte, der dieses Vertrauen ausnutzt für seine eigenen Bedürfnisse. Das liegt auch daran, dass Patienten Ärzte oftmals überhöhen. Sie meinen, dass sie in ihnen die Halbgötter in Weiß sehen? Je kränker der Mensch ist, umso mehr idealisiert er den Arzt. Denn Heilung braucht Vertrauen. Man überhöht den Mediziner, damit man ganz sicher das Gefühl hat: Er weiß, was er tut, ich kann mich ihm ausliefern. Man müsste also misstrauischer sein? Solche Fälle kommen ja nicht häufig vor. Aber man sollte zumindest…

stecride210201_article_060_01_01
7 Min
von hier aus

Es gibt einen Moment der maximalen Unordnung. Es wird laut, Menschen schreien und laufen durcheinander, manche eilen herbei, andere rennen weg. Einer bewegt sich nicht mehr. Der vormals öffentliche Ort wird gesperrt, nur noch wenige Personen erhalten Zugang. Sie alle erledigen ihren Job: Sanitäter, Polizisten, Bestatter, Reinigungskräfte. Dann ist die Ordnung wiederhergestellt. Und es wird still. So totenstill wie auf den Fotografien von Deborah Luster. Lange wusste sie nicht, was sie mit dieser Stille anfangen sollte, die in ihr Leben krachte wie ein Donner, an jenem 1. April 1988, als ihre Mutter ermordet wurde. Als ihre Mutter starb, ging es um alles, was zählt. Die Künstlerin selbst zieht es dorthin, wo nichts mehr zu holen ist Dann griff sie zu dem Instrument, mit dem sie schon immer Distanzen überbrückt und Emotionen transportiert hatte: ihrem…

stecride210201_article_066_01_01
3 Min
ein guter tag

Zu Gericht kommt heute Frau O. Sie ist ein bisschen außer Atem und macht sehr kleine Schritte, sie trippelt geradezu auf die Anklagebank. Hängt ihren Nylonblouson über die Lehne, wie andere Leute im Urlaub ihr Handtuch. Dann lässt sie sich fallen, und ihre Füße erreichen kaum den Boden. Frau O., Reinigungskraft bei der Bahn, ist ziemlich klein und dafür recht dick, und es sieht aus, als hätte sie arge Rückenschmerzen. So etwas darf natürlich keine Rolle spielen, es sei denn, es spielt eine Rolle. Frau O., 52, soll nämlich einem jungen Mann einen Faustschlag versetzt haben. Sie soll ihn angeschrien und in einer späteren zweiten Tat seine Schulter verletzt und seine Jacke zerrissen haben. Man staunt. Frau O. wurde mit einem Näherungsverbot belegt, gegen das sie nach Aussage ihres Opfers verstoßen hat, sie…

stecride210201_article_080_01_01
27 Min
sein wie er

„Notruf, Polizei.“ „Hallo, hallo, sie haben auf jemanden geschossen!“ „Wer und wo?“ „In Neuenburg, ich weiß gar nicht genau, wo ich mich befinde, wo bin ich denn hier, Elsässer Weg, ich bin im Elsässer Weg, bitte kommen Sie!“ „Was für ein Weg? Moment langsam, Kollegen sind unterwegs. Was für ein Weg, und wer hat auf Sie geschossen?“ „Nein, jemand hat jemand hingerichtet.“ „Was, jemand hingerichtet?“ „Ja, im wahrsten Sinne des Wortes. (…) Wir waren dort, und dann hat jemand auf den erst geschossen, und dann hat er sich wehren wollen, und er hat auf ihn geschlagen und noch mal geschossen und eingeschlagen.“ Es ist der 29. Dezember 2014, 4.14 Uhr, als diese Meldung bei einer Leitstelle in Südbaden eingeht. Der Anrufer sagt, die Täter seien mit einem französischen Polizeiauto gekommen und hätten einen Bekannten des Anrufers getötet. Die…

stecride210201_article_082_01_01
29 Min
zwei opfer unter vielen

FAST LIESSEN SIE DEN MÖRDER NOCH EINMAL LAUFEN. Die beiden Beamten, die an jenem Freitagabend, dem 2. Januar 1981, auf Sittenstreife im Rotlichtbezirk der nordenglischen Stadt Sheffield sind, bemerken einen braunen Rover 3500 mit schwarzem Vinyldach. Der Wagen ist in einer Einfahrt geparkt. Drinnen sitzen eine junge Frau und ein Mann. Der ältere der Beamten, Robert Ring, ist sich sicher: Das können nur eine Prostituierte und ihr Kunde sein. Sie parken den Streifenwagen vor dem Rover. Scheinwerfer an. Der jüngere Polizist, Robert Hydes, steigt aus und schlendert zum Fahrerfenster. „Ist das Ihr Wagen?“ – „Ja“, sagt der bärtige Mann am Steuer. „Name, Adresse?“ – „Peter Williams, 65 Dorchester Road, Canklow, Rotherham.“ Rotherham liegt zehn Kilometer von Sheffield. Jetzt hat auch Sergeant Robert Ring den Wagen erreicht. „Und wer ist sie?“ – „Meine…

stecride210201_article_094_01_01
13 Min
glück

ES WAR SCHON DER KLANG. Draußen im Flur dieses Rappeln im Briefkasten, das helle Klatschen von Umschlägen, die auf Fliesen landen. Ein aufdringliches, ein neugierig machendes Geräusch. Laut genug, dass es Maria Funke*, die nicht mehr ausgesprochen gut hören kann, hören konnte. Vielleicht spürte sie es auch nur. Seit Jahren ging das so, seit zehn, zwölf Jahren. Irgendwann spürt man so was. Maria Funke, 90 Jahre alt, macht seit ein paar Monaten den Kladderadatsch nicht mehr mit, wie sie es nennt. Am Telefon sich bequatschen lassen, Briefe für echt halten, in denen ihr fremde Menschen Geld versprechen, viel Geld, „Sie haben gewonnen, liebe Maria, es besteht kein Zweifel!“ Mal 23 000 Euro, mal Hunderttausende Euro, mal vier Millionen. Für sich selbst wollte sie es gar nicht. Braucht ja fast nichts mehr, eine…

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