NIEMAND WEISS GENAU, wo sie die Leiche verscharrt haben. Hinter den Autowerkstätten? Oder in der Grube, in der die Straßenhunde im Müll wühlen? Denis Karagodin blickt über die Landschaft: weiße Hügel, dahinter Plattenbauten und ein rauchender Schlot.
„Ich will die Mörder symbolisch vernichten“, sagt Karagodin, „ganz Russland soll wissen, wer sie waren.“
In der Luft schweben Eiskristalle, der Wind ist schneidend wie eine Ohrfeige.
Irgendwo in der Senke, auf die Karagodin hinuntersieht, liegt ein Massengrab, verschwunden unter meterhohem Schnee. Dort, am Rand der sibirischen Stadt Tomsk, ruhen die Opfer eines Krieges, den der rote Diktator Josef Stalin gegen das eigene Volk führte. Zwischen 1927 und 1953 starben mindestens zehn Millionen Menschen durch den Befehl Stalins, die meisten davon in Lagern. Einer von ihnen war Stepan Karagodin, Denis’ Urgroßvater. Niemand wurde…