Культура и Литература
GEO EPOCHE

GEO EPOCHE

102/2020

GEO EPOCHE ist das Geschichtsmagazin von GEO. Jede Ausgabe ist einem historischen Thema gewidmet - Epochen wie dem Mittelalter, Staaten wie Preußen, Weltreligionen wie dem Judentum. Geschichte schillernd und packend ohne Staub, Fußnoten und Zahlenkolonnen. Erzählt werden Geschichten über bedeutende Personen und dramatische Ereignisse, über Alltag und Kultur, Politik, Gesellschaft und Wissenschaft. In genauen historischen Rekonstruktionen sowie opulenten Bildessays und Experteninterviews, mit Karten und Infokästen wird die jeweilige Epoche zum Leben erweckt und vor allem deren Alltag sinnlich nacherzählt. „Wir nehmen die Leser mit auf eine Zeitreise“, so lautet das Credo von Chefredakteur Michael Schaper.

Страна:
Germany
Язык:
German
Издатель:
DPV Deutscher Pressevertrieb
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в этом номере

2 мин.
editorial

Liebe Leserin, lieber Leser Für unsere auf größtmögliche Genauigkeit und Faktentreue eingestellte Redaktion ist die Wahl der Titelzeile in dieser Ausgabe nicht leicht gewesen. „Die Stunde Null“: Das ist zwar ein Begriff, mit dem die meisten Menschen etwas anfangen können. Ein starkes Synonym für jene kurze Phase nach der Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945, als endlich die Waffen schwiegen, die Nationalsozialisten entmachtet, die Konzentrationslager befreit waren – und als der Wiederaufbau des verheerten Landes beginnen konnte. Die Stunde des Trümmer-Wegräumens, der Läuterung, der Entnazifizierung, der Zusammenführung vieler in den Kriegswirren versprengter Familien; der zarte Beginn von demokratischen Strukturen und das erste Aufkeimen einer langsam wieder in Tritt kommenden Wirtschaft. All dies verbinden wir mit der „Stunde Null“ – und insofern ist die Formulierung geeignet, auf dem Titel eines Geschichtsmagazins…

22 мин.
schluss in trümmers

HANS IM GLÜCK Plötzlich rasseln Panzerketten ganz in der Nähe seines Verstecks. „Die Russen sind da“, ruft Hans aufgeregt. „Hören Sie, Frau Schönbeck.“ Seit fast zwei Jahren verbirgt sich der 20-Jährige hier in der Berliner Laubenkolonie „Dreieinigkeit“ vor Hitlers SS-Schergen. Zuerst bei einer Bekannten seiner Großmutter. Nach deren Tod bei ihrer Freundin Maria Schönbeck. Jetzt, am 25. April 1945, legt Hans behutsam den gelben Stern an und geht seinen Rettern entgegen – frei und sorglos. Doch schon am nahen Lichtenberger Wasserwerk wirft ihn eine Gruppe Rotarmisten unversehens gegen eine Wand, bringt Maschinenpistolen in Anschlag. Kein Zweifel, sie wollen ihn erschießen. „SS“, brüllt einer von ihnen. Dann aber hört er eine fast freundliche Stimme: „Bist du ein Jude?“, fragt ein zufällig dazukommender Offizier auf Jiddisch. „Ja“, antwortet Hans in derselben Sprache. Zum Beweis muss…

16 мин.
die stimme der gebrochenen

Ein Mann kommt zurück aus dem Krieg. Er kommt nicht nur einmal zurück, sondern zweimal: einmal als gebrochener, todkranker, zerstörter Mensch. Und dann noch einmal als Symbolfigur, als Denkmal aus Worten, als literarischer Stellvertreter einer ganzen Generation. Im März 1945 springt der deutsche Soldat Wolfgang Borchert, während des Abtransports in Kriegsgefangenschaft, bei Frankfurt am Main von einem Lastwagen. Mit mehreren Kameraden schlägt er sich in den Wald und macht sich auf den Weg nach Norden. 600 Kilometer wandert er durch das zerstörte Land, gezeichnet von Gelbsucht und Fleckfieber, geplagt von Leberschmerzen. Er ist erschöpft und schlottert vor Fieber. Kurz nach der deutschen Kapitulation am 8. Mai erreicht er endlich seine Heimatstadt Hamburg. Ein Meer von Trümmern. In allem Chaos sieht er seinen Vater und seine Mutter wieder, und sein Elternhaus – und…

22 мин.
aus der hölle in die heimat

Sechs Wochen schon ist es her, seit Sowjetsoldaten nach einer Nacht voller Gefechtslärm das Konzentrationslager Sachsenhausen erreicht und befreit haben. Doch Kató Gyulai hat die Welt vor den mit Stacheldraht überspannten Lagermauern noch immer nicht gesehen. Die Befreier sind fürsorglich; niemals wird sie die Pfleger vergessen, die ihre verwundeten Füße verbinden. Kató hat genug zu essen, warmes Wasser zum Waschen, sogar neue Kleider; die verhasste längsgestreifte Lagerkleidung konnte sie ablegen. Trotzdem fühlt sie sich noch immer wie gefangen. Nun, Anfang Juni 1945, wieder mehr denn je. Seit einigen Tagen ist Kató in einem Sonderbau für Schwerkranke untergebracht; die ungarische Jüdin hat sich mit Tuberkulose angesteckt. Und ist unendlich schwach. Nach all den Monaten in den Lagern der Deutschen hat die 26-Jährige das Gewicht eines Kindes, 34 Kilogramm, und das Gesicht einer Greisin,…

21 мин.
die stunde der sieger

An diesem warmen Sommernachmittag wird der Ton auf einmal rau zwischen den Herren. Als sei nun klar, dass die Zeit der Nettigkeiten und wechselseitigen Komplimente endgültig vorbei ist. Oder aber, als stünde allen jäh und unmissverständlich vor Augen, wofür sie hier zusammengekommen sind: nicht weniger, als den Neubeginn in Deutschland und Europa zu organisieren. Sie, das sind die Großen Drei, die Sieger in dem fürchterlichen Krieg, in den die Deutschen die Welt sechs Jahre zuvor gezerrt hatten. Winston Churchill, der zigarrenrauchende Premierminister Großbritanniens, der gern schwadroniert und doch genau weiß, wie viel auf dem Spiel steht. Er will das geschwächte British Empire erhalten, koste es, was es wolle – und verhindern, dass sich die beiden anderen über seinen Kopf hinweg verständigen. Josef Stalin, der unumschränkte Herrscher der Sowjetunion, der selbst ernannte Generalissimus, dessen…

19 мин.
das verdrängte verbrechen

Das Schlimmste also. Das Schlimmste ist nicht, was an dem Tag im Keller geschehen ist, nicht die lähmend lange Angstzeit im Versteck danach. Das Schlimmste beginnt hier und jetzt, als ihr der Arzt gegenübersitzt und sagt: „Sie sind schwanger.“ „Was ist mit Ihnen“, hat er kurz zuvor gefragt, und Ilse Wolf hat geantwortet: „Ich weiß nicht.“ Da glaubt sie noch an eine Blutvergiftung durch einen Wespenstich. Schlecht geht es ihr, deshalb sitzt sie nun hier im Sankt-Gertrauden-Krankenhaus, nicht weit von ihrer Wohnung in Wilmersdorf im Südwesten der Stadt. Es ist Ende Mai 1945, und Berlin liegt halb begraben unter Schutt, so tief, dass die Berliner ihren Vierteln neue Namen gegeben haben, „Trichterfelde“, „Neustehtnix“. Aber zwischen den Trümmern blüht der Flieder in diesem Frühling, dem ersten nach dem Krieg. Was die Lebensmittelkarten an Brot…